Historisches Rathaus Markt Retzbach e.V.
Wir sind ein gemeinnütziger Verein, dessen Ziel es ist, das Historische Rathaus in Retzbach durch kulturelle und gesellige Veranstaltungen dauerhaft zu beleben.
Rückblick
auf vergangene Veranstaltungen im Jahr 2026
Im Bierparadies
Unterhaltsames Tasting mit viel Wissenswertem rund ums Bier
„And the winner is…“ - Stopp! So schnell wird hier noch nicht verraten, worauf am Schluss alles hinausgelaufen ist. Angefangen hat es zumindest stimmungsvoll: ein hübsch geschmückter Raum mit Bierkrügen und –filzchen, sehr schön dekorierte Tische in den fränkischen Farben rot und weiß, Teller, Besteck, Brot, Butter und Kümmerli lagen bereit für den kleinen Schmaus. Und bevor sich die Besucherinnen und Besucher setzen konnten, wurde ihnen mit einem ersten Glas Bier ein Gruß aus der Küche in die Hand gedrückt. Dass eine am Ende abgefragte Zuordnung dieses ersten Schluckes zu einem der ausgeschenkten Biere nicht mehr so richtig geklappt hat, mag dann wohl an der erheblichen Reizung der Geschmacksnerven gelegen haben oder einfach an der Hingabe zur Bierseligkeit.
Pünktlich zum Beginn hatte sich der Raum gefüllt und der Zellingen „Quetschekönig“ Roland Reuchlein begann auf seinem Akkordeon aufzuspielen. Begleitet wurden diese ersten Töne von einigen wenigen dumpfen Hammerschlägen: die Fässer für die Bierprobe wurden angestochen und das edle Nass lief störungsfrei in die Krüge und von den Krügen in die Gläser der Gäste. Und weil zu einer Bier-Challenge eine reichhaltige Unterlage gehört, wurden nun die vorbereiteten Wurst- und Käseplatten serviert. Man konnte durchaus zusehen, wie es schmeckte!
Aber man war ja nicht nur zum Vergnügen hier, es galt ja auch, den Bieren Noten zu geben. Dabei wollte man sich gar nicht an professionellen Verkostungen orientieren, sondern mit Spaß und Genuss ans Werk gehen. Der gelernte Braumeister Peter Fecher machte deutlich, was von der Biersorte „Helles“ zu erwarten ist und erläuterte die Bewertungskategorien. Voll Konzentration und Leidenschaft gaben sich nun die Tester den fünf unterschiedlichen Bieren hin, betrachteten die Farbe, steckten die Nasen tief ins Glas und ließen sich den Gerstensaft auf der Zunge zergehen. Wahrlich eine anstrengend vergnügliche Arbeit!
In den ruhigeren Phasen informierte Peter Fecher über die einzelnen Zutaten des Bieres. Das harte unterfränkische (Brünnles-)Wasser eignet sich so gar nicht für ein mildes Helles. Neben dem Pilsner-Malz, für diese Biersorte am häufigsten verwendet, stellte der Braumeister viele weitere Malzarten vor und die Besucher konnten, wie für den Hopfen, zahlreiche Proben in Augenschein nehmen. Dazwischen konkretisierte der Hobby-Maischerührer Rainer Maas die Aussagen und verdeutlichte, dass er für seinen 20-Liter-Ansatz Helles lediglich 23 Gramm Hopfen verwendet hatte. Und wer nun zu intensiv an der von Frau Dr. Schubert, der Inhaberin der Arnsteiner Brauerei „Herzog von Franken“ mitgebrachten Hefe gerochen hat, der fragte sich schon, wie daraus ein wohlschmeckendes Getränk entstehen konnte. Schließlich hatten alle Gäste ihre fünf Biere ausgetrunken und waren zumindest theoretisch zu Hobby-Brauern ausgebildet. Weil die Bewertung dann doch auf einigermaßen sicheren Füßen stehen sollte, durften Mann und Frau sich etliche Erinnerungsbiere wünschen, um den Vergleich und die Einordnung abzusichern. Getragen vom guten Essen, dem süffigen Bier und der unterhaltsamen Musik von Roland Reuchlein herrschte eine fröhliche, ausgelassene Stimmung im Raum, so mancher uralte Ohrwurm feierte im „Heißen Sand“ Auferstehung, mitunter lag man auch singend vor Madagaskar und bedauerte aus bekannten Gründen die Hawaiianer.
Ach ja! Die Ergebnisse des Tastings haben überrascht. Alle fünf Biere (in alphabetischer Reihenfolge: Augustiner Hell, Herzog von Franken Hell, Keiler Hell (Hofbräu), Martinsbräu Hell und Spessart-Bräu Hell) haben sich sehr gut geschlagen und lagen punktemäßig nur minimal auseinander. Ist dies nicht ein schöner Beweis dafür, dass wir in Unterfranken nicht nur ausgezeichnete Weine, sondern auch hervorragende Biere herstellen können.
Ein Dank geht an die Martinsbräu in Marktheidenfeld und vor allem an die Hofbräu in Würzburg (Keiler Hell) für ihre sehr großzügige Unterstützung der Bierprobe.
Unnerfrängische Originale
Vergnügliche Lieder des Håse-Duos machten ungeheuer viel Spaß
Wie wär´s mit einem Brückenschoppen mit der „schönsta Fraa aus Kascht“? Oder vielleicht eine Reise mit dem „Strebergärtner“ nach „Wiesfald“? Oder belauschen Sie das Gespräch vom „Erwin ausm Moustkaler“ mit dem „Frääle vom Fensta“. Das Håse-Duo hat seine unterfränkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger genau beobachtet und teils liebevolle, teils bissige Lieder über die Angewohnheiten und Eigenheiten geschrieben, nicht immer auf der Höhe aller Gender-Empfehlungen.
Fünfmal schlug die elektrische Gitarre einen einfachen, disharmonischen Akkord an und gewann Aufmerksamkeit, bevor mit einem flotten Fox der „Bressbennl Man“ vorgestellt wurde. Und was lässt sich nicht alles reparieren mit einem simplen Stück Schnur. Vom Bordwandhaken des Autohängers über Schuhsenkel und Tanga der Freundin bis hin zum Sonnensegel der Raumstation wartet alles auf den „Grumbernsack voll Bressbennl“. Während Philipp Morgenstern mit Rhythmus im Blut seiner Gitarre Melodien mit Ohrwurmcharakter entlockte, breitete Peter Schmelz ein ganzes Arsenal an Percussion-Instrumenten aus, besonders sehens- und hörenswert der selbstgebaute Bressbennlbass: Nylonschnüre mit dicken Nieten an einem alten Ölfass verschraubt. Mit selbstbewusster Kunstfertigkeit erweckte er damit „Erwin ausm Mostkaler“, der dort die letzten 500 Jahre verschlafen und, nachdem er all den modernen Trubel gesehen hat, nur noch „sei Fassle ostache“ und sich wieder „noleych“ will. Nicht fehlen durfte auch ein Hoch auf den Brückenschoppen, geeignet für große Brücken von Retzbach nach Zellingen, aber auch für kleine Stege und Holzbretter. Es gibt keinen geeigneteren Ort, sich auch die „schiachste“ Person schön zu trinken. Und wenn das alles nicht klappt, wie wär´s mit einem Ausflug ins Englische und Französische? Wenn der schuldbewusste Mann „in dein´re Aache Mord las“, hilft ein gewispertes „Mei Darling, ma Cherié“, um „des wieder hi biech“ zu können. Hätt ja kün geklappt!
Der Ausflug in die Jugend der beiden Musiker bescherte dem Publikum einen Heavy-Metall-Song. Mit „Midnight Moonlight Thunder Bats“ wurde das coole, wilde, gefährliche und freie Leben der einstigen Motorradgang in Erinnerung gebracht. Natürlich alles beobachtet vom „Frääle vom Fenster“, die ihre Nachbarschaft zu jeder Tages- und Nachtzeit im Auge hat und wohl bereits unter den Ensembleschutz des Anwesens fällt. Ob sie auch gesehen hat, was unser Urlaubsreisender in „sein Sagg baggd“ für den Ausflug nach „Saggebach“? Und so langsam steuerte der Abend seinem Höhepunkt zu und die Håse stellten die „schösta Fraa aus Kascht“ vor, ein gerissenes Mädchen, das ihren Verehrer nur so um den Finger wickelt. Vielleicht richtet eine Lebensweisheit den enttäuschten Liebhaber wieder auf: „Wenn ma die Aache zumacht, hat ma a bessere Illusion“. Und vielleicht hilft dann doch nur noch der „Fränkische Trost“: Schad, dass der Abend irgendwann zu Ende gehen musste.
Peter Schmelz und Philipp Morgenstern sind relativ neu in der Liedermacherszene. Mit ihren Dialektsongs treffen sie aber den Nerv der Zeit und sie verstehen es, ihre Beobachtungen in kurzweilige, unterhaltsame Verse zu schmieden. Selbst sind sie wohl die beiden größten kreativen Originale. Wenn Peter auf seinem Trecker die langen Reihen des Ackers auf- und abfährt, dann greift er schon das ein und andere Mal zum Handy und gibt eine neue Textzeile, eine neue Melodie durch. Und wenn er dann Philipp unter der langen und warmen Dusche antrifft, dann werden die Ideen ergänzt, neu arrangiert und schließlich zu einem neuen Song umgeformt. Das alles ist echte Handarbeit und wurde ungezwungen und begeistert vorgetragen. Das Publikum fand´s prima, hat viel gelacht und wollte die beiden eigentlich gar nicht gehen lassen.
Ein Leckerbissen für Jazzfreunde
Außergewöhnlicher Abend mit Cross-over-Musik von Duoloque am 18.04.2026
Wenn sie sich an diesem Wochenende das Grab auf dem Grinzinger Friedhof genau angeschaut haben, dann haben sie bemerkt, wie eine farbenfrohe Blume daraus erwachsen ist. Der spätromantische Komponist Gustav Mahler, selbst berühmt für den Einbau neuer, mutiger Effekte in seine Symphonien, schickte damit einen herzlichen Gruß nach Retzbach mit der Bemerkung: Ihm hat´s gefallen, was die beiden Musiker des Jazz-Duos „Duoloque“, Thomas Klopfer (Klavier) und Hans Molitor (Trompete, Flügelhorn), mit seinen Motiven angestellt haben. Und mit ihm applaudierten auch Jean Paul, Georg Friedrich Haendel und viele andere All-Stars aus Literatur und Musik. Denn darin lag das Geheimnis dieses sehr anregenden Jazzabends. Die beiden Vollblutmusiker mischten Klassik mit Jazz, eigene Kompositionen mit Ohrwürmern und zauberten daraus ein vielseitiges und schmackhaftes musikalisches Menü.
Schon die Vorspeise war deftig gewürzt und ungewöhnlich. Das freie Trompetensolo, das Hans Molitor vorlegte, spannte einen Bogen vom einschmeichelnden Sound zu krassen Disharmonien, vom kräftigen Fanfarenstoß zu gefühlvollen, leisen Tönen. Dermaßen auf den Geschmack gebracht, wurde der erste Gang des Hauptgerichts serviert. Ganz klassisch begannen die beiden Musiker mit Mahlers „Lied von der Erde“, wobei sie es verstanden haben, den monumentalen sinfonischen Liederzyklus für großes Orchester ansprechend für ihre beiden Instrumente zu adaptieren. Und ganz langsam veränderte sich der Rhythmus: Hörte man einen Walzer? Einen Marsch? Es veränderte sich das Tempo, die Motivik und unversehens swingte Kenny Barons „Voyage“ im Raum, was Anlass zu einigen Solopartien gab. Aber wieder stutzte das Ohr, der Swing legte sich, die Töne wurden schwer und schwerer und fließend kehrte die Musik wieder zu Mahler zurück. Beim zweiten Hauptgang griffen die beiden noch weiter zurück in der Musikgeschichte. Mit Georg Friedrich Haendels berühmter Arie „Lascia ch´io pianga“ nahmen sie sich eine der populärsten Melodien der klassischen Musik vor, führten sie behutsam zum Musicalhit „It never entered my mind“, der schon von Showgrößen wie Frank Sinatra, Ella Fitzgerald und Keith Jarrett interpretiert wurde, und landeten am Ende doch wieder bei ihrem Ausgangspunkt. Barockmusik und moderner Jazz verschmolzen zu einer köstlichen Einheit. Erstaunlich, welche musikalischen Welten Duoloque zu verbinden wusste.
Zu einem guten Essen gehören selbstverständlich auch genügend und abwechslungsreiche Beilagen. Auch hier sparten die beiden Musiker nicht an Quantität und Qualität. Ob es sich um den schwungvollen „Nica´s Dream“ von Horace Silver, dem getragenen „Round about midnight“ von Thelonious Monk oder dem bekannten „Night and Day“ von Cole Porter handelte, alle Zutaten schmeckten hervorragend und begleiteten das musikalische Diner perfekt. Für die Getränke schließlich sorgte Thomas Klopfer mit seinen Eigenkompositionen selbst. Einen fruchtigen italienischen Rotwein kredenzte er zum unverwüstlichen „Sabato a Senigallia“, einen prickelnden Sekt mit 7/8-Perlung gab`s beim „Tango Nr. 1“, einen schillernden Cocktail mixte er zu den Rhythmuswechseln bei „4-3-3-2“ und zu einem dunklen Bier griff er bei seinem „Ländlichen Idyll“. Satt waren die Zuhörer aber noch lange nicht und so servierten die beiden Musiker noch „Beautiful love“ von Victor Young als Zugabe.
Die Formation Duo erfordert von beiden Beteiligten ein Höchstmaß an Konzentration und Können. Die zwei Musiker spielen nicht nur ausgezeichnet, sie leben ihre Instrumente. Der Pianist Thomas Klopfer ersetzte ein ganzes Orchester, war für die Wahrung des Taktes genauso verantwortlich wie für seine variantenreichen Ausflüge ins Melodische. Immer mit einem Ohr bei seinem Partner arrangierte er ein harmonisches Zusammenspiel, sorgte durch zwei eigenständige Vorträge für die notwendigen Pausen beim Trompeter und überzeugte bei Soli und Improvisation mit virtuoser Fingerfertigkeit. Hans Molitor beherrschte Trompete und Flügelhorn meisterlich. Es brodelte und grummelte bei den tiefen Tönen, hell und klar erstrahlten die Höhen. Majestätisch und feierlich gestalteten sich laute Passagen und selbst ein Flüstern vermag die Trompete an ruhigen, leisen Partien hervorzubringen. Anstrengend die komplizierten Taktfolgen und Rhythmuswechsel, kunstvoll die eigenen Solo- und Improvisationsstellen. Es war ein opulentes Mahl, das Duoloque geboten hat, ein Schlemmen auf höchstem Niveau.
„Leben, Farben, Duft und Schall“
Belebende Frühlingsserenade mit dem Duo Ivanova-Delgado und klassischen Melodien am 21.03.2026
Frühlingsgefühle: Der „schwarze Schwan“, träumend von „Indien“, dreht sich zum „Andalusischen Tanz“, fliegt heim nach „Bodrum“ und vermählt sich mit „Grand Tango“ und „Polo“-Gesängen mit dem „echten Schwan“. Melodien, Rhythmen und die Intensität des Spiels erzeugten Bilder der Fantasie.
Vom ersten Ton an nahm das Duo Milena Ivanova und Daniel Delgado die Zuhörer mit auf eine atemberaubende Reise kreuz und quer durch Kontinente, Musikstile und Zeiten. Zwei lebhafte Stücke kennzeichneten den Anfang. Hörte man beim brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos das leise Plätschern der Wellen, die der „schwarze Schwan“ aufwirbelte, so entfachte Enrice Granados´ „Danza Andaluza“ das ganze Feuer südspanischer Leidenschaft. Nach diesem temperamentvollen Beginn sorgte Max Bruchs elegisch gehaltenes Stück „Kol Nidrei“ mit seinen Anklängen an jüdische Melodien für ein bisschen Beruhigung. Intensive Leidenschaft vermittelte das Andante aus der Sonate für Cello und Klavier von Sergej Rachmaninoff und mit der schwungvollen „Ungarischen Rhapsodie“ von David Popper endete der erste Teil. Mit Felix Mendelssohn-Bartholdy und Nikolai Rimsky-Korsakow standen zwei große Komponistennamen nach der Pause auf dem Programm. Melodisch und rhythmisch vielseitig zeigte sich dann Manuel de Fallas „Suite Populaire Espagnole“, bevor das populärste Stück Camille Saint-Saens „Der Schwan“ die Hörer begeisterte. Der Schluss setzte mit Astor Piazzollas „Grand Tango“ nochmals ein akzentuiertes Ausrufezeichen. Der lebhafte Beifall brachte dem Publikum mit Fazil Says „Bodrum“ und Piazzollas „Oblivion“ noch zwei aufregende Zugaben.
Milena Ivanova ist eine Zauberin am Cello. Die ausgebildete Cellistin mit langjähriger Orchestererfahrung begeisterte mit ausdrucksstarkem Spiel und höchster technischer Perfektion. Ihr kräftiger Zugriff auf die Saiten ließ die Töne eindrucksvoll sich entfalten, ihr kunstvolles Vibrato schenkte dem Spiel Leben und Tiefe, die zarten Flageolett-Töne sowie die herrlichen Glissando-Läufe setzten Höhepunkte. Hinzu kam ein überaus harmonisches Zusammenwirken mit ihrem Partner Daniel Delgado am Klavier. Selbst virtuoser Pianist ließ er seiner Partnerin den Vortritt, verstand seelenverwandt ihre angestrebten Nuancierungen von Lautstärke und Rhythmik und überzeugte mit fein abgestimmten Einsätzen und Klavierpassagen. Die tiefe Begeisterung, die beide Künstler ihren Harmonien und Rhythmen entgegenbrachten, hat sich im wunderbaren Ambiente des Historischen Rathauses sofort und vollkommen auf das Publikum übertragen. Dieser Abend war ein wahrer Genuss für Liebhaber klassischer Musik.
„ … wo meine Wiege stand“
Böhmischer Abend mit dem „Tasten-Män“ Lutz Röckert am 07.03.2026 auf Anregung des Männergesangvereins Retzbach-Zellingen
Wahrscheinlich wurde noch nie so viel geflunkert wie am Wochenende im Historischen Rathaus Retzbach, wo so ziemlich alle Besucherinnen und Besucher voller Begeisterung den altbekannten Gassenhauer „Dort tief im Böhmerland…“ mitgesungen haben. Der Verführer zu diesem lässlichen Fehltritt hieß Lutz Röckert, der „Tasten-Män“ aus der Zellinger Partnergemeinde Geyer im Erzgebirge. Mit charismatischem Lächeln und virtuoser Fingerfertigkeit am Akkordeon nahm er das Publikum mit auf eine hinreißende Reise in seine Heimat.
Schwungvoll begann der Abend mit dem „Egerländer Musikantenmarsch“ in einer instrumentalen Fassung. Die Lebendigkeit der böhmischen Musik war vom ersten Ton an zu spüren und griff sofort aufs Publikum über. In rascher Folge wechselten sich nun die typischen Musikstücke Polka, Walzer und Marsch ab. Geschickt streute Lutz auch vertraute Ohrwürmer ein und es wurde leidenschaftlich mitgesungen. Dabei erwiesen sich die Mitglieder des Männergesangvereins Retzbach-Zellingen, die das Konzert angeregt haben, als stimmgewaltig und textsicher. Bei „Aus Böhmen kommt die Musik“, „Rosamunde“ oder der „Herz-Schmerz-Polka“ erzitterten die alten Balken des Hauses und nicht nur Liebhaber der böhmischen Volksmusik klatschten und schunkelten im Takt. Dazwischen streute der „Tasten-Män“ immer wieder tschechische Lieder ein. Allen voran dem Kapellmeister und Komponisten František Kmoch zollte er seinen Respekt und trug Stücke in tschechischer Sprache vor. Und natürlich durfte Ernst Mosch nicht fehlen, der mit seinen professionellen Arrangements die böhmische Musik in Deutschland erst populär machte. Auch ein Abstecher in den Bereich Schlager gefiel dem Publikum und gemeinsam ließ man Karel Gotts „Babička“ aufleben. Erstaunlich, wie sicher Texte abgerufen werden können, aber vielleicht liegt das auch am Alter der Chorsänger, die mit diesen Songs groß geworden sind.
Lutz Röckert lieferte einer Hommage an Böhmen, dem er auch ganz persönlich verbunden ist. Die Lieder, die er vortrug, waren eingebettet in seine Lebensgeschichte als Grenzgänger zwischen Tschechien und Deutschland. Das Publikum machte Bekanntschaft mit seiner Mutter, geboren gleich am südlichen Bergrücken des Keilbergs, und mit seinem Vater, einem „Sudetendeutschen“. Humorvoll gab er Ratschläge, wie man sich in Tschechien durchschlagen könnte, hervorgegangen aus eigenen Erfahrungen in seinen Studentenjahren. Sympathisch und authentisch vermittelte er seine Musik, mit einem feinen Gespür für die Wünsche seiner Zuhörerinnen und Zuhörer. Und am Schluss wollten weder Lutz noch das Publikum aufhören, so dass der Abend noch lange weiterklang.
Quintessenz des Jazz
Die Gruppe Quartessence mit ihrer jungen Sängerin Marie Kinkelin begeisterte im Historischen Rathaus am 28.02.2026
So kann ein etwas angestaubter Schmuseklassiker also auch klingen. Wenn das Schlagzeug ordentlich Drive entwickelt, der Bass im Hintergrund kräftig wuppert, Klavier und Posaune die Melodie im 5/4-Takt zwischen einem jamaikanischen Ska und einem Afrobeat zerlegen und wieder zusammensetzen und über allem eine ebenso einfühlsame wie starke Jazzstimme sich erhebt, dann bekommt Gershwins Klassiker „Summertime“ eine neue, gewaltige Dynamik, die das Publikum in seinen Bann schlägt.
Begonnen hat der Abend musikalisch in den Hügeln der italienischen Marken mit Blick auf die Adria. Der Samstag in der Kleinstadt Senegallia zauberte flanierende Bewohner, erregte Gespräche und Düfte nach Pasta und Wein vors geistige Auge und Ohr. Schon dieses erste Instrumentalstück knüpfte ein starkes Band zwischen Musikern und Besuchern, das sich durch die sehr vielseitige Programmauswahl nun stetig weiter verfestigte. Es folgten mit „Blue Moon“ ein Jazzklassiker, mit der „Saga of Harrison Crabfeathers“ ein Jazzwalzer von Steve Kuhn und mit „I Fall in Love“ ein Stück von Chet Baker, alle vorgetragen von einer noch etwas zurückhaltenden, nichtsdestoweniger ausdrucksvollen Stimme der jungen Sängerin Marie Kinkelin. Den mystisch-surrealen Text von hoffnungsvoller Befreiung aus Zwängen des spanischen Liedes „Quien lo diría“ interpretierte sie voll Kraft und intensiver Leidenschaft, was die Zuhörer sichtlich begeisterte.
Nach der Pause packte der ebenso junge Schlagzeuger Johannes Schachow seine Sticks aus und zog im „Sud-Ouest Jump“ alle Aufmerksamkeit mit einem fesselnden Solo auf sich. Ruhigere Töne wechselten sich ab mit packenden Songs, Klassiker mit Eigenkompositionen bis Marie am Ende nochmals alle Register zog und Billie Eilishs „Wildflower“, den Song oft the Year bei der Grammy-Verleihung 2026, in einer aufregenden Jazzversion zum Besten gab. Dem brausenden Beifall konnte die Band nur mit der Zugabe des Beatles-Hits „Here There and Everywhere“, ebenfalls herrlich verjazzt, Einhalt gebieten.
Es war ein authentisches Konzert in der stimmungsvollen Umgebung des „Wohnzimmers“ im Historischen Rathaus. Den Bandmitgliedern war der sichtliche Spaß am Musizieren ebenso wie am Ausprobieren und Improvisieren anzusehen und sie übertrugen ihre Freude von Anfang an aufs Publikum. Johannes Schackow sorgte mit akkuraten Schlägen am Schlagzeug für den richtigen Rhythmus. Oliver Dannhauser unterstützte tatkräftig im Hintergrund und brillierte mit einigen Soli am Kontrabass. Im harmonischen Miteinander wechselten sich Thomas Klopfer am Klavier und Michael Buttmann an der Posaune ab, um immer wieder neue Melodien zu kreieren. Und schließlich bewegte sich Marie Kinkelins Stimme mühelos zwischen verschiedenen musikalischen Welten, von Pop über Latin bis zu Jazzklassikern. Mit dieser jungen Sängerin ist Quartessence wirklich zur Quintessenz des Jazz aufgestiegen.
Beswingter Jahresanfang am 06.01.2026
Virtuose Musiker, farbenfrohe Rhythmen und skurrile Geschichten mit „Inswingtief“
Spielfreude und Leichtigkeit: Wenn Sabrina Damiani in die Saiten ihres Kontrabasses greift, Marco Böttger und Stefan Degner ihre atemberaubenden Riffs auf den Gitarren spielen und Thomas Buffy seine Violine zum Singen bringt, dann wippen die Füße und der Rhythmus steigt im Körper hoch und löst den inneren Knoten von Trägheit und Frust völlig auf. Der Zuhörer wird selbst zu Musik und erlebt einen anregenden Abend.
Das Konzert begann mit einem stattlichen Swing, der die Geschichte einer harten Kindheit im Bayerischen Wald begleitete. Und nur dem Onkel, der ein lukratives Geschäft mit Wildbret unter der Verwendung von Autokotflügeln betrieb, war es zu verdanken, dass die gesamte Familie keinen Hunger leiden musste. Verständlich, dass im Hause so manch Anklang an einen verendeten „pink panther“ olfaktorisch „pfnakelte“ und sich rhythmisch wieder in Luft auflöste, gut hörbar vorgetragen von einer harten Jazz-Gitarre. Vom Urlaub mitgebracht wurde dann ein astreiner Musette-Walzer, der zumindest zum Schunkeln verführte. Allerdings vermittelte die Band nur mit einem Calypso ein bisschen träumerischen Insel-Sound, während sie geografisch nicht über Randersacker, seinem Balthasar-Neumann-Pavillon und einem kleinen Käseladen hinauskam. Erstaunlich, welch musikalische Qualität guter Käse erzielen kann, wenn Geige und Gitarren in höchst diffizilen Motiven, unterstützt von einem aufmerksamen Bass, Zwiesprache nehmen. Schließlich ging es doch noch nach Oberbayern, wo Thomas´ Mutter die Truppe auf ihren Tourneen mit Bergen von Palatschinken versorgte. Nach zu viel Genuss vielleicht einer fermentierten Form dieser Süßspeise ging dem Tango nicht nur die Stilistik, sondern am Ende auch die Tonalität verloren. Gegen ein derlei lukullisches wie musikalisches Chaos half nur ein flehentlicher Hymnus um Beistand an den Heiligen Intonatius, wahrscheinlich einem irischen Wandermönch, der gerne Square-Dance tanzte, und mit himmlischen Beziehungen zu den seligen Altmeistern Johann Sebastian und Ludwig van aufwartete. Das half, um wenigstens noch eine musikalische Erinnerung an den letzten Italienurlaub anbieten zu können, eine eindringlich erlebbare Jagd nach einer einzelnen nervigen Stechmücke, deren Todesstündchen dramatisch umgesetzt wurde, die allerdings auch für den Jäger im Rollstuhl endete.
„Inswingtief“ wirbelte ein ganzes Heer unterschiedlicher Stile wild durcheinander. Auf Musette-Walzer folgte Tango, auf Blues Bossa Nova, auf Calypso Klezmer. Die Genre-Grenzen zerflossen und doch durchdrang immer der Swing die Themen und Arrangements. So blieb alles leicht, ja fast unbekümmert. Hinzu kam das außerordentlich virtuose Spiel aller vier Musiker*innen. Die anspruchsvollen Tempo- und Rhythmuswechsel wurden präzise ausgeführt. Großartig nahmen die vielen Soli die vorgegebenen Melodien auf und entwickelten eigenständige Motive. Mit sichtlicher Freude genossen die Vier ihr akkurates Zusammenspiel. Auch das Publikum war vom ersten Lied an angesteckt, sparte nicht mit Zwischenapplaus und entließ die Gruppe erst nach zwei Zugaben mit langem und kräftigem Beifall. Der Tank für ein neues Jahr war prall gefüllt voller Harmonien und Schwung.
Rückblick
auf vergangene Veranstaltungen im Jahr 2025
Musikalische Zuckermandeln für die Adventszeit
Das Bläserquintett „Hilaris“ begeisterte am 06.12.2025 mit einem virtuosen Konzert
Wenn Musikinstrumente auf Bäumen wachsen würden, dann bräuchte das Hilaris-Quintett im Wesentlichen nur einen einzigen. Aus dem kleinen Samenkorn eines unscheinbaren hölzernen Rohrblättchens wachsen so herrlich vielfältige Früchte wie die schlanke Flöte, die edle Oboe, das kraftvolle Fagott und die kapriziöse Klarinette. Unterstützt und ergänzt werden sie vom volltönenden Horn, das auf dem Nachbarbaum der Blechbläser gedeiht. Das Hilaris-Quintett erreicht mit diesen fünf Instrumenten eine enorme Klangvielfalt, die geprägt ist von einem angenehm weichen und warmen Grundton, auf dem die einzelnen Instrumente ihre Stärken aufbauen können.
Schon mit dem ersten kurzen Stück, einer „Bagatelle“ von György Ligeti, begeisterten die fünf Musikerinnen und Musiker durch ihre ersichtliche Spielfreude und eine ausgezeichnete Abstimmung ihrer Einsätze. Das Publikum spürte von Anfang an die enorme Qualität der Aufführung, eine prickelnde Spannung, die auch im weiteren Verlauf des Abends noch zunahm. So übertrug sich die heitere, lebhafte Stimmung von Donald Draganskis „Klezmer Music“ sofort auf die Zuhörenden. Zum Höhepunkt des ersten Teils geriet das Bläserquintett g-Moll von Franz Danzi, eines Wegbereiters der Romantik. Nach einem tänzerischen ersten folgte ein träumerisch getragener zweiter Satz. Die Hauptstimme wanderte von Instrument zu Instrument, so dass sich die Flöte von Ida Reimer durch herrlich klare Triller auszeichnen konnte, die Oboe von Kai-Wen Chuang die Melodie mit virtuosen Harmonien umspielte. Ebenso beeindruckend war das Spiel von Kaelan König, der kurzfristig für ein erkranktes Ensemblemitglied einsprang, der mit kräftigen und taktsicheren Basseinsätzen am Fagott für einen sicheren Rhythmus sorgte. Jonas Kalin bediente die Klarinette technisch meisterhaft und entwickelte eine hohe gestalterische Brillanz. Das Horn von Marit Burkhardt schließlich ergänzte die Holzbläser ausgezeichnet und trug aufgrund ihrer hervorragenden Musikalität zu einer nicht für möglich gehaltenen Klangdichte bei.
Nach der Pause wurde es dann weihnachtlich, ohne in Kitsch und Mainstream zu verfallen. Mit Händels bekanntem Weihnachtslied „Joy to the World“ in einer beschwingten Fassung begann dieser zweite Teil und ein buntes Medley weiterer englischer Weihnachtslieder bildete schließlich den Auftakt zum Höhepunkt des Konzertabends, der gesamten Nussknacker Suite von Peter Tschaikowsky. Es war purer Genuss, den Hilaris kreierte. Die acht so unterschiedlichen Sätze des Orchesterwerks wurden hervorragend an die Instrumentalisierung als Bläserquintett angepasst und mit großer Leidenschaft und Freude gespielt: zackig der Marsch, mit dem die Streitmacht des Nussknackers in die Schlacht zieht, märchenhaft-träumerisch der Tanz der Zuckerfee, feurig-schnell der Trepak des Russischen Tanzes, geheimnisvoll der Arabische Tanz und ganz schwärmerisch der abschließende Blumenwalzer. Jeder Satz erhielt das ihm zustehende Eigengewicht und das gesamte Werk konnte seine Vielschichtigkeit, Lebendigkeit und musikalische Kraft entfalten. Die fünf Instrumente ergänzten sich ideal, die Musikerinnen und Musiker schufen eine unerhörte Klangdichte, so dass die Luft im kleinen Wohnzimmer des Historischen Rathauses zu vibrieren schien und selbst die Holzstreben des alten Gebälks die Harmonien einatmeten.
Der lang anhaltende Applaus bescherte zwei Zugaben, bevor die Besucher sichtlich mit viel vorweihnachtlicher Stimmung und nachhaltigen Melodien im Ohr nach Hause gingen. Das Hilaris-Quintett bot klassische Musik in großer Virtuosität.
Nippt Ihr noch oder chilled Ihr schon?
Zwei Abende Cocktails und Musik am 14. und 15.11.2025
Da standen sie nun in einer zugigen Ecke der Shoppingmall, neu eingekleidet in ein schrecklich rosa Pommelkostüm, lächelten breit ins Publikum und sangen zum xten Male „Coming Home For Christmas“ – Leid und Freude zweier Musikerinnen, die viele Jahre bereits durch die Lande tingelten, nachdenklich und urkomisch, berührend und knallhart erzählt und schmackhaft verpackt in drei Lagen Cocktails.
Das Konzept, mit dem das Trio zwei Tage lang die Besucherinnen und Besucher im Historischen Rathaus Retzbach begeisterte, ging voll auf. Geistreich und schlagfertig mixte Sebastian Will als Barkeeper die Zutaten der Cocktails und nahm schließlich das Publikum an die Hand und begleitete die beiden Musikerinnen auf eine außergewöhnliche Konzertreise.
So erzählten Sharon Kuhn und Susanne Buld bei einem „Winterapfel Fizz“, einem Drink auf der Basis von Calvados, verfeinert mit Ingwer und braunem Zucker, wie sie sich bei den Würzburger Kickers kennengelernt haben, von verlorenen Schuhsohlen und Auftritten in der Sauna und der Flughafenlounge. Gewürzt wurden diese Erinnerungen an die „Loveley Day(s)“ und den Blicken „Over My Shoulder“ mit der Ansicht des „Man In A Mirror“ mit schwungvoller Musik, mal groovig, mal soulig, immer aber entspannt und anregend interpretiert.
Die Zeit verging viel zu schnell und als der erste Cocktail ausgetrunken war, kam Bewegung ins Publikum, denn im Erdgeschoss wartete bereits der „Cranberry Frost“, der zweite Drink, diesmal auf Gin-Basis. Jetzt wurde es richtig karibisch. Mit „Summer Dreaming“ stieg nicht nur die Hitze im kleinen Wohnzimmer des Historischen Rathauses, sondern auch Blut und Beine kamen in Wallung. Susanne legte in „This Girl“ ein fantastisches Saxophonsolo aufs Parkett, während sich Sharon stimmgewaltig mit „If I Ain´t Got You“ in die Ohren der Zuhörerinnen und Zuhörer sang.
Und schon waren die Gläser wieder leer und es ging zum dritten Cocktail, einem „Frosty Sunrise“. Das Besondere an diesem Drink war sein Basisprodukt Tequila, gewonnen aus dem blauen Agaven-Weberi-Knecht, einem flinken und scheuen Tierchen, das einzufangen große Mühe bereitet, was wiederum den stolzen Preis der Flasche erklärt. Die Situationskomik überschlug sich und das Publikum tobte vor Lachen. Unsere Drei durften nun mit Fug und Recht behaupten „We Are The Champions“, bevor sie sich mit „Georgia On My Mind“ langsam verabschiedeten. Natürlich gab´s eine Zugabe und bei „Always Look On The Bright Side Of Life“ sang der ganze Saal lautstark und aus vollem Herzen mit.
Es waren zwei Gute-Laune-Konzerte, die man nicht verpassen durfte. Mit männlichem Charme und sprühendem Witz moderierte Sebastian Will souverän durch die beiden Abende. Ihn begleitete Frauen-Power pur. Sharon Kuhn präsentierte die gesamte Bandbreite ihrer intensiven Stimme, angefangen von einem herrlich verswingten „You Shook Me All Night Long“ von AC/DC bis hin zum zuckersüßen „Barbie Girl“. Und Susanne Buld zeigte sich einmal mehr als ausgezeichnete Multiinstrumentalistin inklusive ihrer Soli auf Klavier, Querflöte und Saxophon. Stehende Ovationen entließen die Künstler und bei den Besucherinnen und Besuchern wird die sprühende Lebensfreude noch lange in ihrem Alltag nachklingen.
Die nachfolgenden Fotos wurden uns freundlicherweise von Stephanie Philipp zur Verfügung gestellt.
Die Abenteuer des Ritters Valentin
Puppentheater von Thomas Glasmeyer begeisterte am 02.11.2025 Jung und Alt
Verzweifeln – das geht gar nicht! Schnell eroberte der arme Ritter Valentin Gundelfinger die Herzen der Kinder und gebannt und begeistert erlebten sie seine Abenteuer mit. Und auch die erwachsenen Zuschauer folgten mit Neugier und Spannung den unglaublichen Erlebnissen, die auf der kleinen Bühne zu sehen waren.
Ritter Valentin hatte alles verloren: im Sparstrumpf klaffte ein riesengroßes Loch und der Kühlschrank war gähnend leer. Weil er aber Hunger hatte, verkaufte er sogar das letzte Requisit, das ihm aus seiner aktiven Ritterzeit noch geblieben war, sein Schwert. Hier kam nun der „Meister der Puppen“, der großartige Puppenspieler und Puppenbauer Thomas Glasmeyer ins Spiel. Denn er erwarb Valentins Schwert, hauchte der Figur neues Leben ein und diente ihr fortan als kongenialer Gesprächspartner. Denn schon tags darauf veränderte sich die Lage unseres Ritters. Der herzogliche Postherold verkündete, nachdem er zweimal an die Haustüre geklopft hatte, dass die Tochter des Landesherrn entführt worden war und Ritter Valentin aufgefordert wurde, sie zurückzubringen. Was folgte war eine turbulente Reise zu den immer alles besser wissenden Waschweibern, einer desorientierten Wäschespinne, einem zutiefst erschöpften Drachen und schließlich dem völlig genervten Roten Ritter. Allen hatte Mieselgunde mit ihrem ständigen Nörgeln und Schreien gehörig eingeheizt, so dass er die Prinzessin geschenkt erhielt, wenn er sie nur mitnähme. Zwei unerfreuliche Tage hatte Valentin nun zu überstehen, bevor er sie bei einem glücklichen Vater abgeben und die reiche Belohnung einstreichen konnte.
Nun wieder im Besitz seiner Burg und seines Adelsstolzes machte sich Valentin daran, einen Knappen auszubilden. Er war ein strenger Lehrherr: auf die dritte Liegestütze folgte die vierte Und beim Einkauf durfte natürlich auch das Toilettenpapier nicht fehlen. Ganz nebenbei wurde das Publikum mit Gundelfingers Einblatttechnik vertraut gemacht – aber das gehört nicht hierher. So könnte unser Ritter gut leben, wäre er in seinem Alter nicht so einsam. Da brachte schließlich der von den Kindern herbeigerufene französische Haushofmeister des Herzogs, mit Rufnamen „Pommes“, eine Ereignislawine ins Rollen. Da Mieselgunde weiterhin unentwegt zeterte und fluchte, sprach der Herzog ein Machtwort. „Pommes“ erkannte, dass Mieselgundes üble Laune daran lag, dass sie schlecht schlief. Und dies führte er auf das Lüsterweibchen zurück, das vor Mieselgundes Schlafzimmertür am Kronleuchter hing und immerzu sang. Und so bekam Valentin das Lüsterweibchen als zusätzliches Geschenk. Und siehe da: Mieselgunde schlief tief und fest, der Herzog musste sich nicht mehr mit seiner launigen Tochter abquälen, „Pommes“ machte sich Hoffnung auf die Hand der Herzogstochter, Valentins Knappe würde bald zum Ritter geschlagen werden und Valentin und das Lüsterweibchen kamen sich näher, immer näher und gingen nicht mehr auseinander, ein Leben lang.
Thomas Glasmeyer zauberte auf seiner kleinen Bühne mit flinken Handgriffen und wenig Requisiten eine herrlich mittelalterliche Welt mit einer beeindruckenden Atmosphäre: minimalistisch das Waschbrett der Waschweiber, eindrucksvoll die zweiseitige Kopfmaske, mit der er sowohl die Ritterburg des Roten Ritters zum Leben erweckte, als auch dem blasierten Haushofmeister ein Gesicht verlieh. Und zwischen all diesen Versatzstücken stakste ein etwas eingerosteter Valentin mit seiner knubbeligen Knollennase und den sprechenden Händen. Die selbstgebauten Puppen zeigten viel Liebe zum Detail. Aus den Türmen der Ritterburg tauchten unverwandt die beiden etwas vergesslichen Wächter auf. Das hübsche Lüsterweibchen thronte hoheitsvoll auf dem Kronleuchter. Die Bühne, die Figuren und die ganze Geschichte machten einfach Spaß. Die Kinder haben Herrn Glasmeyer mit lebhaftem und langem Applaus verabschiedet und laute Zugabe-Rufe zeigten, dass sie ihn nicht einfach gehen lassen wollten. Und auch die Erwachsenen haben das Puppenspiel sichtbar genossen und durften fröhlich gestimmte Kinder mit nach Hause nehmen. Nun hoffen alle auf ein Wiedersehen mit dem Puppenspieler im Historischen Rathaus.
Musikalisch auf der „Autostrada del Sole“ gen Süden
Aldo und Miriam Paradiso sowie Thomas Klopfer präsentierten am 18.10.2025 italienische Cantautori und ihre Lieder auf einer Reise durch Italiens Städte.
Sehnsuchtsziel Italien! Wenn Aldo Paradiso zur Gitarre greift, begleitet von Thomas Klopfer am Klavier, dann werden die Körper schwerelos und die Gedanken gehen auf eine nostalgisch verklärte Reise durch Landschaften voller Pinien und Zypressen, schwärmerischen Blicken aufs blaue Meer, schmelzenden Gerüchen nach Pasta und Limonen.
Bereits mit dem ersten Lied nimmt uns Aldo in Begleitung von Paolo Conte mit auf seine wunderbare Reise: „vieni via di qui“. Glücklich dürfen wir uns schätzen, dass wir mit Miriam Paradiso eine exzellente Reiseleiterin an unserer Seite haben. Ihre immer informativen und immer kurzweiligen Erläuterungen und die Bilder, die sie ausgewählt hat, lassen uns die Feinheiten unserer Reise erkennen. Sie führt uns in der nächsten Station in den Hafen von Genua, wo wir die Bekanntschaft von hungrigen und durstigen Matrosen machen, im ligurischen Dialekt mystisch-verrätselt besungen von Fabrizio de André. Und natürlich darf in Italien die Liebe nicht fehlen. Gino Paoli erzählt von einer langen, erfüllten Liebesgeschichte: „È stato come volare“. Über den Apennin geht es dann mit dem legendären Radfahrer der 1930er und 40er-Jahre Gino Bartali, dessen beeindruckende Lebensgeschichte von Miriam in Wort und Bild angerissen wird und dem Paolo Conte ein Lied gewidmet hat. Ziel ist Turin, die Stadt der Herzöge von Savoyen und des Autos. Von dort kommt der Fiat, mit dem die italienische Familie, Eltern, Großeltern, Kinder im Wageninneren, hochgetürmt das Ausflugsgepäck auf dem kleinen Dachträger, an einem tierischen Sonntag („Domenica bestiale“) gemeinsam mit Fabio Concato zur Bootsfahrt an den See fährt. Schließlich begegnen wir in Bologna inmitten der streunenden Katzen den Pennbruder Lucio Dalla, der es sich auf der kleinen (!) „Piazza Grande“ eingerichtet hat, aber sich nach ein bisschen Zärtlichkeit sehnt: „A modo mio avrei bisogno di carezze anch’io“. Und dann nimmt unsere Reise noch einmal Fahrt auf und wir lassen uns auf der Autostrada del Sole gen Süden treiben. Schnell streifen wir das trauriges Florenz von Ivan Graziani, eilen mit Lucio Dalla in einer Nacht der Wunder („La sera dei miracoli“) nur flüchtig vorbei an einem Rom, das nur Trennung und Melancholie anbieten kann. Mit Pino Daniele kommen wir in Neapel an, einer Stadt der Gegensätze mit seinen pittoresken Gassen, dem Duft des Meeres, aber auch seinen Ängste und seiner bitteren Sonne: „Napule è mille culure. Napule è mille paure“. Fabricio de André stellt uns den Camorra-Paten Don Raffaé vor, nach Ansicht seines Gefängniswärters ein Heiliger, ein Mann, der sogar aus dem Gefängnis heraus Trost und Arbeit gibt („voi che date conforto e lavoro“). Am Ende unserer Reise biegen wir noch einmal ab, am zweiten Stern rechts und dann geradeaus bis zum Morgen. So erreichen wir, begleitet von Edoardo Bennato „L´Isola Che Non C´è“.
Ein schöner, hoffnungsvoller Abschluss unserer Italientour auf einer Insel ohne Hass und Gewalt, ohne Diebe und Kriege. Mit großer Vorfreude nehmen wie daher das Versprechen des letzten Liedes ernst: „alla fine di un viaggio c'è sempre un viaggio da ricominciare“. Aldo und Miriam Paradiso sowie Thomas Klopfer wollen gerne wieder ins Historische Rathaus kommen, wenn sie die Rückreise durch Italien fertig geplant und einstudiert haben. Und wenn es dazu wieder die kleinen italienischen Köstlichkeiten, den guten Wein und die vortreffliche Atmosphäre gibt, dann dürfen die Besucher erneut einen rundum gelungenen Abend genießen.
Doppelte Überdosis G´fühl
THREE 4 FUN und Susanne Buld spielten zweimal (am 16. und 23.05.2025) STS im Historischen Rathaus Retzbach
Und irgendwann bleib i dann dort, geh´aus dem Rathaus nimmer fort, vor allem wenn THREE 4 FUN und Susanne Buld STS spielen. Lichterloh brannte das Feuer bei den vier Musikern und griff auf ein hypnotisiertes Publikum über, das gegen Ende gar nicht anders konnte, als bei den großen Ohrwürmern der Band mitzusingen.
Dabei, und auch das machte der Abend deutlich, ist STS mehr als Fürstenfeld. Es ist erstaunlich, dass viele ihrer Songs auch nach 40 Jahren nichts an Aktualität verloren haben, im Gegenteil sogar aktueller sind denn je. STS ist politisch: Ob im Lied „Wahnsinn“ Krieg und Hass gegeißelt werden oder brennende Asylantenunterkünfte in „Es fangt genauso an“ mit der Zeit vor „60 Jahren“ verglichen werden. Und STS fordern unser Mitgefühl: auch „der alte Mann“, der sich so seltsam an der Theke benimmt, hat eine wertvolle Lebensgeschichte. Vor allem aber wecken STS in uns unsere irgendwie verschütt´ gegangenen Erinnerungen an frühere Ideale und Träume: an grenzenlose Freiheit, an Selbstverwirklichung, Lebensglück und Liebe und ach ja! an immerwährende Sonne und Meer. Die Lieder sind eine Botschaft, im Angesicht des Alltags nicht „kalt und kälter“ zu werden, sondern das Leben wieder neu zu genießen: „I mecht lachen, tanzen, singen und rear'n“.
Das Konzert machte auch vertraut mit der Geschichte der Band. Bereits zu Beginn verteilte der Kopf der Gruppe, Stefan Schön, die Rollen. Er selbst übernahm Schiffkowitz und sorgte mit seiner kraftvollen Stimme und dem lebhaften Spiel am Schlagwerk für den richtigen Rhythmus. Uwe Heppenstiel, mit seinem unverwechselbaren Hut, trug als welterfahrener Steinbäcker mit seinen satten Gitarrenriffs und dem smarten Groove in der Stimme seinen Teil zum harmonischen Zusammenspiel bei. Den Part des heimatverliebten Timischl übernahm Thomas Detter, der neben der Gitarre bei „Fürstenfeld“ auch Akkordeon, Mundharmonika und Bierschlauch auspackte und den Dreiklang der Stimmen bestens vervollkommnete. Die Vierte im Bunde setzte den Punkt auf das i-Tüpfelchen beim Musikgenuss. Gefühlvoll ließ Susanne Buld ihr Saxophon erklingen, spielte Querflöte, rollte die Oceandrum, um das Meeresrauschen hörbar zu machen, und bediente das „Geklimper“, Shaker, Schellenring.
Den Musikern mit Musikerin machte es sichtlich Spaß. Die knappen, kurzweiligen Ansagen Stefan Schöns lieferten wichtige Informationen und strukturierten die Liederfolge. Der dreistimmige Gesang interpretierte die Lieder von STS eigenständig, sorgte für wohlige Gruselhaut und entrückte in Traumgefilde. Der Funke sprang sofort über und entwickelte sich immer mehr zu einem Flächenbrand, der unter den Zuhörern wütete. „Und des Feuer brennt immer no, lichterloh, ganz so wie´s früher woar.“ Wer kann sich „Und irgendwann…“ oder „Fürstenfeld“ auch entziehen?
Nach zwei Zugabensets entließ stehender Applaus die Musiker. Und wenn sie nicht hätten aufhören müssen,…
Einst klapperten die Mühlen
Ortsspaziergang zu den ehemaligen Mühlen an der Retz am 04.05.2025
Ihr Lauf ist kurz und doch trug sie jahrhundertelang zu einer stabilen wirtschaftlichen Prosperität bei. Allein im heutigen Gemeindegebiet standen mindestens vier Mühlen, angetrieben von der starken Wasserkraft der Retz.
Die zahlreichen Besucher des Ortsspaziergangs machten sich auf, die heute noch sichtbaren Relikte einer vergangenen Epoche zu besichtigen. Freilich, etwas Fantasie ist schon notwendig, um sich die mächtigen Mühlengebäude mit ihren eindrucksvollen Rädern vorzustellen, sind sie doch längst schicken Wohnhäusern gewichen. Aber mit Manfred Schuck hatten die Spaziergänger einen bestens vorbereiteten und überaus kompetenten Experten an der Hand, der, als gelernter Müller, ihnen die Geschichte der Mühlen sowie das Müllerwesen im Allgemeinen näher bringen konnte.
Und weil der Staub, der beim Mahlen des Mehls anfällt, oder die Hitze in der Glut der Esse natürlich Durst machen, haben die Retzbacher schon seit alters Wein angebaut. Verschiedene Retzbacher Winzer verwöhnten die Teilnehmer an den einzelnen Stationen.
Los ging´s im Historischen Rathaus, in dem Manfred Schuck eine kleine Ausstellung aufgebaut hatte. Zunächst aber schenkte der Winzerverein einen fruchtigen Bacchus aus und Burkard Heßdörfer informierte über die Rebsorte. Dann wandte man sich den Gegenständen zu, die Manfred Schuck mitgebracht hatte. Er zeigte, wieviel Getreidekörner nötig sind, ein Pfund Brot zu backen. An einer Handmühle durften die Besucher selbst erfahren, wie langwierig und mühsam ein Mahlen ohne Mühlenantrieb war. Manfred Schuck erläuterte die Funktionsweise von oberschlächtigen Wasserrädern, zeigte „Malter“ und „Metzen“ und leitete das Sprichwort „Wer zuletzt kommt, mahlt zuletzt“ vom Arbeitsablauf eines Müllers her. Spannend und kurzweilig brachte er diese Fülle an Informationen an seine Zuhörer.
Dann wurde aufgebrochen und nach einem kurzen Spaziergang erreichten die Teilnehmer die Pröstler-Mühle. Manfred Schuck wies auf zwei unterschiedliche Mühlsteine hin, die in die Mauer eingebaut sind. Sehenswert sind aber vor allem die Reste des ehemaligen Mühlrades und viele ältere Mitwanderer erzählten, dass sie noch gesehen hätten, wie es sich drehte. Natürlich gab es am Elternhaus der Winzerin Christine Pröstler einen exzellenten Silvaner vom eigenen Weinberg.
Derart gestärkt war der folgende kleine Treppenaufstieg gar nicht so schwer und nach kurzer Zeit kam die Gruppe beim „Retz“ an. Dort wurde bei herrlichem Sonnenschein eine kleine Pause eingelegt und die Teilnehmer konnten sich bei einer süffigen Scheurebe vom Weinbau Gehrig und Mettlaugenstangen und Käsebrötchen auf den Heimweg vorbereiten. Auch wenn in der Zwischenzeit eine Reihe von Umbauten stattfand, so hat das Gebäudeensemble doch noch Ähnlichkeit mit dem Aussehen der alten Holz- bzw. Liebleinsmühle.
Der nächste Halt fand in der Retzstadter Straße statt. Hier erinnert nun nichts mehr an die imposante Propstei-Mühle früherer Jahrhunderte. Zwei schmucke Häuser säumen die Straße, an deren Rand einst der Wasserzulauf zur Mühle führte. Deutlich wird an dieser Stelle auch der Eingriff des Menschen in das Bett der Retz, um immer eine ausreichende Wasserzufuhr zur Mühle zu gewähren. Schließlich musste sich das Rad ja drehen. Versorgt wurden die Spaziergänger hier von einem entweder trocken oder halbtrocken ausgebauten Müller-Thurgau vom Winzerhof Kummer, den Felix Kummer kenntnisreich und launig vorstellte.
Der weitere Weg führte nun entlang der Retz zur Brügelschen Mühle. Einst ebenfalls Mahlmühle wurde sie noch im 20. Jahrhundert zu einer Eisenschmiede umgestaltet. Das Fauchen der Blasebälge und das Schlagen der Hämmer waren oft lange in die Nacht hinein zu hören, bis auch hier die modernen Industrieanlagen die Arbeit unrentabel machten. Dem heutigen Wohnblock konnte selbst die schmackhafte Spätburgunder Spätlese aus dem Weingut Weisenberger kein Fünkchen Romantik einhauchen. Auch wenn man mit einem kundigen Führer wie Manfred Schuck auf die Suche geht, so steht fest, dass die Zeit der Mühlenherrlichkeit zumindest in Retzbach vorbei ist. Trösten darf man sich damit, dass Retzbacher Wein hingegen vorzüglich mundet.
Es ist zu wünschen, dass diese gelungene Mischung aus lokalen Themen und heimischen Weinen, die die Ortsspaziergänge des Vereins Historisches Rathaus bisher ausgezeichnet haben, im nächsten Jahr eine Fortsetzung finden. Am Ende gab es nach dem letzten Gläschen viel Applaus für Manfred Schuck und ein kleines Dankeschön vom Verein.
Ein Musikbad in brasilianischen Rhythmen
Das Duo „Wolf und Kürzer“ begeisterte mit vielfältigen jazzigen Klangwelten im Historischen Rathaus in Retzbach (04.04.2025)
Der Zauber eines Landes entsteht im Kopf: Wir sehen einen breiten, sich träge dahinwälzenden Strom, an dessen Ufern dichter Dschungel wuchert; das Rauschen der Blätter, das Rascheln im Dickicht, die Schreie von Affen und Vögeln – die Musik des Urwalds. Oder rote Erde, endloses, trockenes Grasland, rollende Strohballen; das Pfeifen des Windes, das Fiepen der Meerschweinchen, tiefe Stille – die Musik der Meseta. Und dann auch Menschengedränge, Wolkenkratzer, volle Strände, Karneval; Gejohle, Lärm, Chaos – die Musik der Stadt.
So bunt und vielgestaltig Geografie und Biologie Brasiliens sind, so facettenreich sind seine Musiklandschaften. Und mit João Lucas Moreira an der Gitarre erlebten die Besucherinnen und Besucher im Historischen Rathaus einen Künstler, der ihnen diese Musikkultur seines Heimatlandes sehr authentisch nahebringen konnte. Mit virtuosen Läufen ebenso wie mit sanften harmonischen Klängen eiferte er seinem Vorbild Edu Lobo, einem der treibenden Kräfte der Música Popular Brasileira, gekonnt und temperamentvoll nach. Sein Partner, Jannis Krüger am Klavier, teilt diese Vorliebe für südamerikanische Musikstile. Ob Samba, Baião oder Afoxé, mit exzellentem Taktgefühl und beeindruckender Fingerfertigkeit brachte er die unterschiedlichen Gestaltungsformen lebhaft zum Ausdruck. Zudem mischte sich in Anlehnung an sein nordamerikanisches Vorbild Wayne Shorter, einem der einflussreichsten Interpreten der Jazzgeschichte, ein bisschen moderne Verhaltenheit ins Spiel.
Das Konzert begann mit dem Rückgriff auf die beiden Vorbilder. Schwungvoll wurde es mit einer Interpretation von Lobos „Casa forte“ eröffnet, wodurch es den Zuhörern leicht fiel, sich in den Jazz zu finden. Wayne Shorters Stück „Fee fi fo fun“ setzte dann abstraktere und modernere Akzente und umriss mit diesem Einstieg die musikalische Bandbreite des Abends. Eine ganz besondere Überraschung hatte dann Jannis Krüger bereit, als er die Welturaufführung seiner Komposition „Mestre do quéijo“ ankündigte. So wechselten sich Lieder bekannter brasilianischer Jazzgrößen ab mit eigenen Stücken, stark rhythmisch geprägte Candomblés mit melodisch-populärem Sound und zarten Klanggebilden, in denen Töne wie Wassertropfen niederperlten. Die beiden jungen Musiker überzeugten bei ihren Interpretationen traditioneller Werke der brasilianischen Jazzgeschichte genauso wie bei der Vorstellung ihrer eigenen kreativen und anregenden Schöpfungen. Ihre Arrangements erwiesen sich als professionell, das Zusammenspiel war geprägt von großer Aufmerksamkeit und sicherem Taktgefühl, ihre Improvisationen zeugten ebenso von Verspieltheit wie von tiefem Musikverständnis.
Der spannende und genussvolle Jazzabend machte viel Spaß, was auch der lange Applaus bewies, der die beiden noch zu einer Zugabe verleitete. Viel zu schnell war das Konzert zu Ende.
Ein Lausbub mit schmutziger Weste
Gerhard Luber und die Con-Brio-Hölzer präsentierten im Historischen Rathaus Retzbach in einer musikalisch-literarischen Lesung den oberbayerischen Schriftsteller Ludwig Thoma (15.03.2025)
Wir alle – zumindest diejenigen, die einer älteren Generation angehören – kennen sie alle: den „Münchner im Himmel“, der sein Manna so gar nicht genießen wollte, den frömmelnden Studienprofessor „Kindlein“ aus den Lausbubengeschichten, dessen Aloysius die Nase fehlte. Wir alle verzweifelten an der vertrackten Entzifferung der Rechtschreibung des „Filser-Briefwexels“ oder warfen einen heimlichen Blick ins Damenbad. Zweifellos, Ludwig Thoma hat hübsche Geschichten geschrieben, hat Personentypen pointiert charakterisiert. Viele seiner teils subtilen, teils ironisch gebrochenen Darstellungen typischer Verhaltensweisen sind heute noch aktuell und prägen die „Mir-san-mir“-Mentalität seiner Oberbayern. Und doch gibt es einen scheinbar anderen Ludwig Thoma, einen, der mit abgrundtiefer Verachtung über Demokraten und mit ordinärem Hass über alles Jüdische herfiel.
Gerhard Luber wird an diesem Abend beiden gerecht. Gleich zu Beginn seiner Textauswahl greift er, zeitlich zunächst etwas irritierend, auf die wohl bekannte Weihnachtslegende zurück. Ziel ist es, das liebevoll gezeichnete Bild des Josef herauszuarbeiten, eines armen, fleißigen und doch aufrechten Zimmermanns. Ein zünftiger bayrischer Landler, schwungvoll vorgetragen von den Herren der „Con-Brio-Hölzer“, vertieft die Wirkung der Worte und Josef erscheint als ein sympathischer Mann aus dem einfachen Volk , „so friedli und brav und so staad!“.
Stellten sich schon heimelige Gefühle ein, so folgt der kontrastive Schock. In einem Artikel aus seinem letzten Lebensjahr zieht Ludwig Thoma mit brutaler Häme über den USPD Landtagsabgeordneten Karl Gareis her, pöbelt gegen Parlament und Demokratie und nutzt all seine literarische Wortgewalt zu unerträglichen persönlichen Verunglimpfungen. Wenige Tage später wird Karl Gareis vor seiner Wohnung mit vier Schüssen aus dunklem Hintergrund von Unbekannten ermordet. Atonal, unharmonisch und ohne Rhythmik verunsichern die „Con-Brio-Hölzer“ mit einem kurzen, verstörenden Musikstück von Arnold Schönberg das Publikum. Die zwei unterschiedlichen Seiten eines Dichters sind textlich und musikalisch offengelegt.
Doch zunächst widmet sich der Vorleser wieder dem jungen, aufstrebenden Dichter. Die Erlebnisse „Auf der Elektrischen“ zeigen Ludwig Thoma als genauen Beobachter seiner süddeutschen Landsleute, ihren unumstößlichen, mit der Muttermilch eingesaugten Vorlieben und Animositäten. Schließlich legte der Redaktionsleiter der satirischen Wochenzeitschrift „Simplicissimus“ seine Finger in die Wunde bürgerlicher Behaglichkeit, klerikaler Bigotterie, politischer Heuchelei. Beißende Satire begleitet den königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenbacher beim Verkauf seiner alten Bettwäsche oder den „Landagsabgeorneden“ Jozef Filser bei seinem unberechtigten, aber dringlichen Gang auf den „geischtlingen Abdrid“. Die bösen, überspitzten Zeichnungen allzu menschlicher Handlungsweisen sorgen für herzhafte Lacher im Publikum, die „Con-Brio-Hölzer“ haben für jeden Text ein passendes Musikstück, von Mozart bis Kurt Weill, und heiter-beschwingt begibt man sich in die Pause.
Mit den großen Bauernromanen Ludwig Thomas wird es dann ernst. In „Andreas Vöst“ kritisiert Ludwig Thoma eine in ihre Orthodoxie verbohrte Priesterschaft ohne Einfühlsamkeit, im Schauspiel „Moral“ wird die bräsige Hochmütigkeit und die Doppelmoral des Ehemanns vorgeführt. Es gelingt Gerhard Luber sehr gut, die Spannung auch bei diesen längeren Textpassagen aufrechtzuerhalten. Der gebürtige Niederbayer ist dem notwendigen Dialekt sehr viel näher, die Stimme wird präzise moduliert, laut und leise wechseln sich zweckdienlich ab. Und immer wieder spielen die drei Musiker aufwühlende, ruhige, mitreißende Stücke. So nähert sich ein spannender literarischer Abend seinem Ende, nicht ohne nochmals auf Ludwig Thomas antidemokratische und antisemitische Hetzschriften einzugehen. Vielleicht müssen wir für unser heutiges Urteil gar nicht eine Wandlung des Dichters verantwortlich machen, für die wir persönliche und gesamt-gesellschaftliche Gründe finden könnten. Vielleicht liegt die Urteilsfindung in uns selbst und unserem Zwang zu politisch korrekten Einstellungen. Hat Ludwig Thoma im autoritären Kaiserreich gesellschaftliche Eliten verspottet, so sehen wir das heute als eine risikoreiche und vortreffliche Tat. Hetzt er in der demokratischen Umwelt der Weimarer Republik aber gegen Volksvertreter und politische Einrichtungen, dann verurteilen wir ihn. Exemplarisch trägt am Schluss der Referent die „Eröffnungshymne“ vor, die Ludwig Thoma bereits um 1905 in seiner Zeit als Redakteur beim Simplicissimus geschrieben hat. Der soeben einberufene bayerische Landtag wird dort u.a. als „Und was ist das Allerdümmste? Schon noch dümmer als wie dumm?“ herabgewürdigt. Darf man noch lachen über diesen Spott auf ein ohnmächtiges Parlament in einem monarchischen System, so müssen wir uns fragen, wie wir uns dazu stellen würden, wenn diese verachtende Häme eine demokratisch gewählte und verantwortliche Volksvertretung träfe. Eine Einsicht muss bleiben: Worte können Waffen sein. Und jeder ist verantwortlich für seine Worte und muss – gerade in Zeiten anonymer Internet-Hetze – für seine Worte verantwortlich gemacht werden.
Gerhard Luber gab seinen Zuhörern etwas zum Nachdenken mit auf den Heimweg. Mit intensivem und lange anhaltendem Beifall bedankten sich die Besucher beim Vorleser und den Musikern der „Con-Brio-Hölzer“ für einen ebenso kurzweiligen wie anregenden Abend. Wir hoffen auf ein Wiedersehen!
Wundervolle Stimmen begleiten ins neue Jahr
Das festliche Neujahrskonzert im Historischen Rathaus Retzbach erfüllte Neujahrswünsche (04.01.2025)
So darf 2025 weitergehen: das stimmungsvolle Konzert mit den Sopranistinnen Katja Woitsch und Stephanie Simon, begleitet vom souveränen Klavierspiel Philip Dahlems, erwies sich als echter Wunscherfüller. Zunächst präsentierte es Harmonie in Vollendung. Wenn zwei Stimmen sich steigern zu intensiven Duetten, das Klavier seine Töne darunter mischt, wenn viele fremde Sprachen erklingen - und das alles aber in einem gemeinsamen, bezaubernden Melodienreigen endet, dann ist aus einer chaotischen Vielfalt jenes Zusammenspiel erreicht, das wir auch ins neue Jahr hineintragen wollen.
Anregend darf das neue Jahr natürlich auch sein. Es erklangen Lieder verschiedener bekannter Komponisten aus der Zeit der Romantik und der Klassik. Mendelssohn-Bartholdys „Gruß“ leitete das Konzert stimmungsvoll ein, Richard Strauss´ „Winterweihe“ stellte eine eher mystische Hommage an die kalte Jahreszeit dar. Mit Camille Saint-Saëns getragenem „Ave Maria“ stand ein geistliches Werk auf dem Programm, bevor die Weihnachtszeit unter anderem mit Adolphe Adams „Noel“ und John Rutters „Christmas Lullaby“ wiederauflebte. Jede dieser Interpretationen verzauberte auf ihre ganz eigene Art und machte neugierig auf immer mehr musikalische Reize.
Und das Zuhören und Zusehen bereitete dem Publikum viel Vergnügen. Der helle, klare Sopran von Katja Woitsch ergänzte sich prächtig mit dem meist etwas dunkler gefärbten von Stephanie Simon. Das abwechslungsreiche Spiel der beiden Stimmen steigerte sich nach der Pause bis hin zur Aufführung der Oper „Die Hochzeit des Figaro“ als Minitheater. Hier zeigten die Sängerinnen nicht nur stimmliches, sondern auch schauspielerisches Talent. Philip Dahlem legte am Klavier präzise und stets aufmerksam das musikalische Fundament, das die beiden Stimmen stützte und zu einem schönen Ganzen verband. Gefühlvoll ließ er die Duette und Soli ausklingen.
Jacques Offenbachs bekannte „Barcarole“ bildete den temperamentvollen Abschluss, bevor nach der Zugabe das harmonische, anregende und vergnügliche Konzert allzu früh endete. Die Zuhörerinnen und Zuhörer dankten mit langem Applaus.
Rückblick
auf vergangene Veranstaltungen im Jahr 2024
Träumend in die Weihnachtszeit
Das Weihnachtskonzert am Nikolaustag im Historischen Rathaus Retzbach begeisterte (06.12.2024)
Wenn draußen in der Welt die Hektik sich steigert, die Wunschlisten geschrieben werden, die Geschenke im Sturmlauf eingekauft, verpackt, versteckt, vergessen werden, Plätzchen gebacken und die Weihnachtsgans gefüllt wird, also der ganz alltägliche Weihnachtsstress einen fest in Händen hält, dann tut es gut, einen Raum und eine Zeit der Ruhe und Besinnung aufsuchen zu können. Die Gruppe „Allegro ma non troppo“ zauberte im Historischen Rathaus Retzbach diesen Ort. Behutsam nahm sie die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine vorweihnachtlich-musikalische Reise rund um den Erdball. Gleich zu Beginn wurde die Tiroler Herbergssuche mit südamerikanischen Rhythmen aufgepeppt. Über Italien und Israel ging´s zurück in die Fränkische Schweiz und nach Theres in Unterfranken. Schwungvoll feiert man in Irland mit „God rest you merry gentleman“ und die Argentinier tanzen sogar bei „Porque el entro“ einen Weihnachtstango. Sehr viel leiser klingt „Jul, jul“ aus Schweden und erhebend ertönt „Eta notsch“ aus Russland. Könnte dieses friedvolle Nebeneinander von Israel wie Russland, von Schweden wie den USA doch nicht nur mit Weihnachtsliedern gelingen, sondern zum Vorbild für das Zusammenleben auf unserer Erde werden. Eingestreut in die musikalischen Darbietungen waren kleine Geschichten, mal humorvoll, wie die von der Weihnachtsgans, die Fuchs, Wolf und Wiesel Anstand und Benehmen lehrte, mal nachdenklich und heute aktueller denn je, wie die Erinnerungen Heinz Erhardts an Weihnachten 1944.
Die vier Musikerinnen und Musiker von „Allegro ma non troppo“ verstanden es meisterhaft, eine heimelige und behagliche Stimmung zu schaffen, verstärkt durch das alte Fachwerk der Rathausstube. In vielen Sprachen und auf vielen Instrumenten zu Hause überzeugte Birgit Hutzel bei Spiel und Gesang. Als umsichtiger Taktgeber sorgte Uli Preu für den richtigen Rhythmus und intonierte mit Gitarre und vor allem mit Geige virtuos. Siegfried Hutzel steuerte mit Cello und Kontrabass die tiefen Töne bei und eröffnete eine zweite, düster-mystische Schicht der Lieder. Und Hermann Tzschaschel begleitete mit seinem ausgezeichneten Gitarrenspiel die Melodien konzentriert und trug seinen Teil zum harmonischen Gesamteindruck bei.
Am Schluss brauchte es keine Aufforderung an das Publikum. Das Begleitheft gab den Text vor und alle Besucherinnen und Besucher sangen das Lied „Hört der Engel helle Lieder“ andächtig und mit viel Gefühl und Leidenschaft mit. Mit langem, stehendem Applaus bedankte man sich bei den Musikern für einen ergreifenden vorweihnachtlichen Abend.
Lesung „Deckname Antenne“ (22.11.2024)
Eberhard Schellenberger und die Stasi
Ein Journalist gerät ins Visier der Stasi, eine Akte wird über ihn angelegt und jeder seiner Schritte, die er bei Besuchen in der DDR macht, wird akribisch protokolliert. Er wird als Sicherheitsrisiko eingestuft, Menschen, mit denen er Kontakt hat, werden unter Druck gesetzt und man versucht teilweise sogar, sie zu erpressen. Was sich liest wie ein Agententhriller, ist dem ehemaligen BR Journalisten Eberhard Schellenberger tatsächlich passiert. Nach der Wende hat er seine Stasi-Akte eingesehen und schier Unglaubliches über seine früheren - übrigens in keinster Weise staatszersetzenden – Besuche in der damaligen DDR bzw. dem Umgang der Staatssicherheit damit, herausgefunden.
All das kann man in seinem Buch „Deckname Antenne: als Journalist im Visier der Stasi“ nachlesen, das 2022 erschienen ist. Seitdem ist Herr Schellenberger auf Lesereise, die ihn diesmal in das fast ausverkaufte Historische Alte Rathaus nach Retzbach führte. In kurzweiligen, teilweise lustigen und immer wieder auch sehr bewegenden 2,5 Stunden machte er seinen Zuhörern die letzten Jahre der DDR bis zum Mauerfall noch einmal erlebbar und verknüpfte diese mit seiner eigenen Geschichte, die damit eng verbunden ist. Am Ende des Abends waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, dass sich der Besuch der Veranstaltung absolut gelohnt hat und dass der Abend noch lange nachhallen wird.
(Text von Sarah Brimer, Pfarrbücherei Retzbach)
Charleston im Blut und Shimmy in den Gliedern
Eine furiose Zeitreise in die 1920er Jahre im Historischen Rathaus Retzbach (18.10.2024)
In keinem der mondänen Ballsäle der berühmten Berliner Tanzetablissements hätte es fröhlicher, ungezwungener und ausgelassener zugehen können als in dem „small blue room upstairs“ des Historischen Rathauses beim Konzert der No Nonsense Band. Vom ersten Ton an schlugen die vier Musiker mit Musikerin die Zuhörer in ihren Bann, stieg der Dixie zu Kopf, der Fox ging ins Blut und der Swing ließ die Beine tanzen. Die fantasievollen Arrangements zerlegten die oft altbekannten Melodien kunstvoll, gaben den vier Instrumenten breiten Raum zu eigener kreativer Entfaltung und fanden am Schluss doch wieder perfekt zusammen.
Los ging es bereits bei „Ain´t she sweet“, bei dem der Funke augenblicklich übersprang und es den Zuhörern auf ihren Plätzen schon leicht kribbelig wurde. Die launige Moderation von Nadine Winziers leitete dann vom leicht melancholisch-traurigen „A Sad Song“, der gekonnt einen doch freudigen Ausklang erfuhr, über zu „Happy Feet“, aber bitte ohne sich die Schuhe auszuziehen. Das Publikum durfte bei der Hochzeit von Peter Thoma dabei sein, der sein Hochzeitslied „It Had To Be You“ zum Besten gab, von seinem Hobby, dem Segeln, träumte und sogar einer Zugreise mit dem „Chattanooga Choo Choo“ nur Gutes abzugewinnen hatte.
Der „Augenstern“ der Gruppe, Nadine Winziers, sorgte mit Paillettenkleid und Feder im Haar ebenso für den Hingucker, wie mit der samtigen-erotischen Intonation ihres Tenorsaxophons für den Hinhörer. Neben ihr bediente Peter Thoma sein Sopransax virtuos und zauberte mit seinem durch den Schalltrichter gefilterten Gesang eine echte Zeitatmosphäre. Und immer wieder drängte Benedikt Schaut mit teils klaren und hellen, teils abgetönten und schrägen Trompetentönen in den Vordergrund. Felix Himmler vollführte exzellente Läufe am Kontrabass und meistere seine Herausforderung, das Schlagwerk eines ganzen Orchesters zu ersetzen, mit Bravour. Glänzend war auch das Zusammenspiel der Vier. Die Einsätze kamen punktgenau, die Solopartien wurden zurückhaltend begleitet, die Stimmung des Publikums genau wahrgenommen. Ebenfalls hervorzuheben ist, dass die Gruppe ohne jegliche elektronische Verstärkung spielte, sich allein auf den Klang ihrer Instrumente konzentrierte und so wirklich „handgemachte“ und authentische Musik bot.
Kein Wunder, dass die Besucher nicht zum Halten waren. Und auch wenn der kleine Raum keinen Platz zum Tanzen bot, so sang man bei „You are my sunshine“ ebenso gefühlvoll mit wie bei der mindestens vierten Zugabe „O When The Saints“. Langer und stehender Beifall verabschiedete die Gruppe und ein beschwingtes Lebensgefühl begleitete die Zuhörerinnen und Zuhörer nach Hause.
Einen Turner und einen Schindler
Der Retzbacher Maler Jonny Schindler zeigte neue Aquarelle (04.-06.10.2024)
Vom berühmten englischen Landschaftsmaler William Turner wird berichtet, er habe sich einst bei rauer See an die Außenwand eines Schiffes binden lassen, um die Gewalten des Sturms und des Meeres im wahrsten Sinne des Wortes hautnah zu erfahren. Die Bildersprache, die der Künstler aus diesen Erlebnissen entwickelte, fasziniert bis heute, weil sie in intensivster Art und Weise die Dramatik der Natur einfängt und unsere Gefühle mitnimmt auf eine Bilderreise voller Dynamik und Eindringlichkeit.
Bei Jonny Schindler erleben wir einen anderen Zugriff auf die Natur. Beim Betrachten der ausgestellten Bilder kann man sich gut vorstellen, wie der Künstler am Ufer eines plätschernden Baches oder eines stillen Sees sitzt und langsam auf seinem Skizzenblock beginnt, die ersten Umrisse der friedlichen Landschaft einzufangen. So entstehen Bilder voll beeindruckender Harmonie und Ruhe.
In launigen Worten wies der Laudator am Abend der Vernissage, Prof. Klaus Brehm, darauf hin, dass Jonny Schindler in Landschaften, Wäldern, Gewässern seine Hauptmotive gefunden hat – durchaus vergleichbar mit Turner. Im langen und kreativen Künstlerleben hat Jonny Schindler in den letzten zwei Jahren seine Technik der Aquarellmalerei vervollkommnet, die zurückhaltend in der Farbgebung ist und die Betrachter damit eng zu den gewählten Motiven hinführt. Dabei bleibt der Maler seiner Heimat verbunden, erkennt der aufmerksame Betrachter in den Bildern doch immer wieder bekannte Orte und Blickwinkel.
Die Bevölkerung hatte, wie es typisch ist für die Ausstellungen von Jonny Schindler, drei Tage Zeit, sich die neuen, in den letzten zwei Jahren entstandenen Bilder im Historischen Rathaus in Retzbach anzuschauen. Es war immerhin die neunte, im Zwei-Jahres-Rhythmus durchgeführte Veranstaltung und wird hoffentlich nicht die letzte sein. Denn ein echter Kunstliebhaber sollte an seinen Wänden zu Hause neben einem aufwühlenden, erregenden und wilden Turner auch einen beruhigenden, besänftigenden und harmonischen Schindler hängen haben. Und wer nicht in die Tate-Galerie nach London reisen kann, der sollte in zwei Jahren wieder ins Historische Rathaus kommen, wenn Jonny Schindler seine neuen Werke zeigt.
Tota pulchra es, Maria
Auf einem Spaziergang zu Madonnenfiguren im Ortskern von Retzbach (22.09.2024)
Der Schuss traf die Hand und riss sie vom Körper ab. Dann brachten die Jungs sie nach Hause zu den Eltern. Nun, man musste sich zu seiner Tat bekennen. Das verlorene Körperteil wurde neu konstruiert und angepasst. Jetzt kann sie die Hand wieder huldreich erheben und thront mit schwunghaftem Faltenwurf und innigem Blick zum Himmel über dem Winzerhof Weisenberger. Nur wer ganz genau hinschaut, merkt, dass die Hand eben doch aus einem anderen Material hergestellt ist als die große Barockmadonnenfigur.
Die Tour begann vor dem Historischen Rathaus, wo Rainer Maas, der Vorsitzende des Vereins, die beiden Begleiter vorstellte. Manfred Lauter übernahm den Part der Ortsgeschichte. Er ist gebürtiger Retzbacher und hat die Entwicklung seines Heimatortes miterlebt und in vielen Funktionen mitgestaltet. Es gibt nur wenige, die so authentisch, anschaulich und lebhaft vom Leben im Ort erzählen können. Der zweite im Bunde war Gerhard Luber, der ein kompetenter Sachkenner zur Theologie und Ikonologie der Marienfiguren ist. Mit ausgewiesener Expertise und fantastischem Talent zum Erzählen erläuterte er schwierige dogmatische Aspekte ebenso wie die Bedeutung aller bildlichen Details der Hausmadonnen.
Die ersten Meter waren nicht schwer zu gehen. Ist der dem Rathaus vorgelagerte „Spätzplatz“, ein Ort, der in früheren Zeiten von der Hauptverkehrsstraße durchzogen war, an dem etliche Gasthäuser lagen und wo sich die Bevölkerung versammelt hatte, an dem Handel getrieben und Neuigkeiten ausgetauscht wurden, auch heute noch das Zentrum des Marktes Retzbach? Der Blick hinauf an die Häuserzeilen bleibt an den ersten Marienfiguren hängen. Wir sehen eine Himmelskönigin, eine Mondsichelmadonna und am Zehntgerichtshaus eine farbig gefasste „Immaculata“. Die Schlange, die sich um ihren Fuß wickelt und auf die sie tritt, hat einen Apfel im weit aufgesperrten Maul. Natürlich assoziieren wir Eva und die Vertreibung aus dem Paradies. Aber was hat das mit Maria zu tun? Noch vor 200 Jahren hätte jeder Bauernbursche die komplexen Andeutungen dieses Bildes intuitiv verstanden. Uns ist dieser Zugang zur Bilderwelt verlorengegangen. Beispielhaft hat Gerhard Luber hier auf die theologischen Grundlagen der Denkfigur der Typologie hingewiesen, die erst ein umfassendes Bildverständnis ermöglicht. Mit der Schlange und dem Apfel befinden sich eigentlich zwei gegensätzliche Frauengestalten im Bild. Während Eva die verführte Verführerin, die Schwäche der Menschen gegenüber der Lust und des Habenwollens darstellt, zeigt sich Maria ganz als im Glauben gefestigte, aller Sünden und menschlichen Trieben entsagende Person. Und erst mit diesem vollständigen Aufgehen in Reinheit und Lauterkeit ist es ihr möglich, die Schlange, die Verführung zu besiegen.
Am Dorfbrunnen konnte Manfred Lauter die rasante Entwicklung des Marktortes in den letzten 50 Jahren eindrucksvoll belegen. Dort, wo heute eine Idylle mit Brunnen, Sitzbänken, der Bücherzelle und grünen Sträuchern zu erleben ist, stand vor gar nicht so langer Zeit eine Tankstelle. Und so manche Spaziergängerin erinnerte sich daran, auch ihr Eis dort gekauft zu haben.
Die Pfarrkirche bot dann Gesprächsstoff sowohl für die Dorfentwicklung als auch für die Marienfiguren. Ursprünglich wohl eine Wehrkirche ist der Platz der Kirche bis heute deutlich abgegrenzt und von einer Mauer umgeben. So lagen auf der einen Seite vermutlich Gaden, wie sie viele Kirchenburgen der Umgebung aufweisen. Die Maulbeerbäume auf der anderen Seite bedecken den früheren Friedhof. Vehement bestand Manfred Lauter darauf, in dem berühmten Baumeister Balthasar Neumann auch den Schöpfer dieser Kirche zu sehen. Und auf Unverständnis fiel das Vorhaben der katholischen Kirche, dieses für den Markt so zentrale Kirchengebäude eventuell zu säkularisieren und zu verkaufen. Kirche ist ja nicht nur ein geistiges Konstrukt, sondern sie wird über all die Jahrhunderte hinweg auch in ihren Persönlichkeiten und Gebäuden wahrgenommen. Wer ein Stück Haus veräußert, der gibt auch Heimat weg, die den Gläubigen ans Herz gewachsen ist, in der sie sich immer wieder getroffen, in der sie immer wieder ihren Gottesdienst gefeiert haben. Zudem können wir auch Kunstvolles im Inneren der Kirche bewundern. Gerhard Luber verwies auf die wundervolle Pietá, eine Darstellungsform der Maria, die es nicht auf den Hausfassaden zu entdecken gibt. Auch dieses Kunstwerk ist ein Ausdruck seiner Entstehungszeit. Die schmerzenreiche Mutter Gottes, die ihren toten Sohn in den Armen hält, ist Zeichen einer im 14.Jahrhundert neu entstandenen Frömmigkeit. Im Angesicht vom Kriegen und Pest erlebten die Menschen die Welt als Jammertal. Der strahlende Heiland am Kreuz wird abgelöst vom leidenden Christus, der zur Lebenswirklichkeit passt. Und auch der Tod wird zum Inhalt der Bilder. Mit fortschreitenden Zeitläufen verändert sich die Komposition. Aus der strengen Personengruppe der Romanik wird die leidenschaftlich bewegte Trauergemeinschaft des Barock. Diese Empfindung fängt die Retzbacher Pietá hervorragend ein und erweist sich somit als ein echtes künstlerisches Schmuckstück.
Beim Abgang zum unteren Dorf machte die Spaziergängergruppe noch Halt an einem einfachen Lourdes-Altar. Das Wunder von Lourdes zeigt Volksglauben, Dogmatismus und Geschäftsgebaren gleichermaßen. Kaum hatte die katholische Kirche das Dogma der „Unbefleckten Empfängnis“ verkündet, erschien in Lourdes die Jungfrau Maria, quasi als Bestätigung. In rascher Folge wurden überall auf der Welt Nachbildungen der Grotte nachgebaut. Heute ist Lourdes ein Geschäftsbetrieb, der seinesgleichen sucht: mit Devotionalien und Lourdes-Wasser in Plastikfläschchen aller Größen.
Bewegt ging es dann nochmals beim Weingut Weisenberger zu, vor allem wenn man auf die Gestaltung der großen Sandsteinmadonna schaut. Das Äußere, der sehnsuchtsvolle Blick zum Himmel, der rauschende Faltenwurf des Gewandes, bringt eine tiefe Ergriffenheit im Inneren zum Ausdruck. Und immerhin steht die Madonna jetzt fest auf einem sicheren Platz und unter einem schützenden Dach, auch wenn keine Panzerkolonnen und Heufuhrwerke mehr die Oberdorfstraße entlangbrettern und keine Kinder mehr zu ihren Füßen Ball spielen.
Den Abschluss des Spaziergangs bildete eine Zweiergruppe, eine Marienfigur, in der alle Merkmale in eindrucksvoller Art und Weise nochmals zusammenspielen. Die lebensgroße Holzfigur an der Hauswand beim Pfister ist zwar eine Neuschöpfung eines Rhöner Bildschnitzers, doch sie ist ebenso erhaben wie das Original in der Heckenwirtschaft. Sie wird Balthasar Esterbauer zugeschrieben, einem der führenden Bildhauer des Hochbarock in Würzburg. Und in der Tat finden sich die Krone, das Szepter, das Christuskind am ausgestreckten Arm, der Faltenwurf, die Weltkugel und jetzt der Drache, dem hier das kleine Kind den Speer in den Rachen bohrt. Wer aufgepasst hat, hat alle diese Details wieder entdeckt und hat mit einem weiteren Gläschen Wein den Rundgang beendet.
Unter großem Applaus der Teilnehmenden bedankte sich der Vorsitzende des Vereins bei den beiden Wegbegleitern Manfred Lauter und Gerhard Luber und konnte ihnen ein kleines Präsent überreichen. Sicherlich findet sich im nächsten Jahr ein weiteres Thema, das zu einem Spaziergang durch den Ortskern von Retzbach einlädt.
Französisch-deutsche Weltpremiere
Jazzkonzert mit dem Gast aus der Partnergemeinde Louvigny (10.05.2024)
Grenzen überwinden. Vor 40 Jahren wurde die Partnerschaft zwischen den Gemeinden Louvigny in Nordfrankreich und Zellingen offiziell ins Leben gerufen. Über die Jahrzehnte hinweg sind aus Fremden Freunde geworden. Viele Bürgerinnen und Bürger leben diese Partnerschaft mit großem Engagement. Aber es gibt auch Menschen, die keinen Gast bei sich aufnehmen wollen oder können. Der Verein Historisches Rathaus wollte diese Partnerschaft auf ein breiteres Fundament stellen und sie für die gesamte Gemeinde erlebbar machen. Deshalb hatte man sich auf die Suche nach einem Künstler aus der französischen Partnergemeinde gemacht und wurde unter Mithilfe des Partnerschaftskomitees fündig.
Mit Guillaume Marthouret ist es gelungen, einen hochkarätigen Jazz-Saxophonisten aus der Partnergemeinde Louvigny an den Main zu locken. Der erfahrene und gewandte Musiker, der auch die Louvigny Jazz Band leitet, spielt in vielen Formationen, mit denen er national wie international auftritt. Begleitet wurde er von den Würzburger Größen des Jazz, von Jörg Meister am Schlagzeug, Georg Kolb am Bass und Thomas Klopfer am Klavier. In dieser Besetzung bedeutete der Auftritt der vier Musiker eine einzigartige französisch-deutsche Weltpremiere, denn noch nie hatten sie zusammen gespielt und wahrscheinlich werden sie auch so schnell nicht wieder zusammenkommen.
Und wieder galt es, Grenzen zu überwinden. Über 800 km lang war die Strecke, die Musikauswahl und Notenaustausch hinter sich bringen mussten. Glückliche Musiker, die keine Sprache brauchen, wo es genügt, einen Titel zu nennen, eine Tonart festzulegen und einen gemeinsamen Rhythmus zu finden. Und so konnten sich die Besucherinnen und Besucher an einem Potpourri bekannter Jazz-Melodien erfreuen, angefangen vom Swing der 30er Jahre, über Broadway-Songs bis zu Bebop und Bossa Nova. Guillaume Marthouret intonierte meisterhaft auf seinem Saxophon, verzauberte mit weichen, farbenfrohen Swing-Klängen genauso wie mit härteren Staccatos bei Bebop und Modern Jazz. In der Natur dieses Zusammenspiels über Grenzen hinweg lag es, dass die Musiker viel Freiraum für Improvisation nutzen konnten, dem auch Georg Kolb und Thomas Klopfer virtuos und ideenreich nachkamen, während das Schlagzeug von Jörg Meister konzentriert den Takt dazu gab. Wenn Grenzen keine Hindernisse mehr bilden, entsteht ein neuer, aufregender Sound, der das Publikum im ausverkauften Historischen Rathaus vom ersten Ton weg in seinen Bann nahm. Erst nach einigen Zugaben wurden die vier Musiker mit stehendem Applaus verabschiedet.
Leuchtende Kinderaugen in der Schlangengrube
Zauberer Matzelli begeisterte Kinder und Erwachsene im Historischen Rathaus in Retzbach (28.04.2024)
Damit gaben sie sich nicht zufrieden. Als der Zauberer nur ein Türchen bei seiner viertürigen „Würfelverschwindemaschine“ aufmachte, wurde laut protestiert. Mit der Öffnung des gegenüberliegenden Türchens zeigte sich wirklich ein Loch, aber die Maschine wurde so seltsam schief gehalten. Nun forderten sie auch das nächste Türchen und tatsächlich, das Kästchen schien leer. Aber darf man einem Zauberer trauen, der seine Zuschauer austrickst? Die Unruhe unter den kleinen Besucherinnen und Besuchern wuchs und man wollte auch die letzte Klappe offen sehen. Und plötzlich war es mucksmäuschenstill. Denn als auch die letzte Klappe aufgemacht wurde, war da nichts mehr: der Würfel war verschwunden! Zauberei!
Zauberer Matzelli begeisterte von Anfang an sein junges und nebenbei auch das ältere Publikum. Lolipop-beschwingt präsentierte er gleich zu Beginn ein einfaches Tuch, von vorne, von hinten, mit einer Hand, mit zwei Fingern, um dann doch erstaunlich viele bunte Bänder aus ihm herauszuwringen. Ungläubiges Staunen bei den vielen Kindern, die an diesem Nachmittag ins Historische Rathaus geladen waren und vor ihm auf dem Boden Platz genommen hatten. Mama und Papa, Oma und Opa hatten es sich dahinter auf Stühlen bequem gemacht. Und immer wieder mussten die Kinder dem Zauberer helfen, seine Künste auch zu Ende zu führen. Eine Reihe von Zaubersprüchen wurde gemeinsam ausprobiert, Beschwörungsformeln gemurmelt und mit Handbewegungen unterstützt. Es waren die Kinder, die Dinge wandern ließen und aus sieben streng bewachten und in einem verschlossenen Umschlag verwahrten Karten zehn machten. Der mutige Phillip schließlich griff beherzt in den Zauberhut und brachte eine Ringelnatter, eine Kobra und eine Boa zum Vorschein, drei völlig unterschiedlich lange Schlangenschnüre – eine echte Schlangengrube. Ein bisschen Zauberpulver und viel konzentrierte Zauberarbeit der Kinder machten daraus drei gleich lange Schlangen. Aber da sich die nun einförmigen Schlangen nicht wohlfühlten, ging die ganze Verwandlung auch rückwärts. Simsalabim! Zwar meinte ein vorwitziger Junge, das alles seien pure Tricks. Doch als am Ende Zauberer Matzelli statt des Popcorns aus Versehen Bonbons und Schokolade aus seinem Hut hervorzauberte, griffen auch die Skeptiker herzhaft zu.
Die leuchtenden Kinderaugen bewiesen, dass es allen jungen Besucherinnen und Besuchern sehr gefallen hat und auch die begleitenden Eltern und Großeltern erfreuten sich an diesem ersten Kindernachmittag, den der Verein Historisches Rathaus Markt Retzbach initiiert hat. Der große Zuspruch hat zur Folge, dass dies sicherlich nicht die letzte Veranstaltung für junge Gäste war.
„In Retzbach`s fair Village…“
Ausgelassener Irischer Abend im Historischen Rathaus (20.04.2024)
Höchstwahrscheinlich hätten sie alle in Dublins Kneipenviertel neidisch auf das Feuerwerk an Musik und Gaumenfreuden geblickt, das am Irischen Abend im Historischen Rathaus in Retzbach entzündet wurde. Und wie in jedem guten Pub war es gerammelt voll, es war eng und laut und je später der Abend – und es wurde sehr spät (!) – desto ausgelassener stieg die Stimmung.
Dies lag an der fein ausgewogenen Komposition des Dreiklangs Musik, Essen und Trinken. Für die Musik zuständig waren die Celtic Burritos, die mit sechs Musikant*innen das Raumangebot fast sprengten und für beste Unterhaltung sorgten. Ihr „Clanchef“ Ralph Gerlich begeisterte mit seiner tiefsten Bassstimme bei hingebungsvollen Balladen ebenso wie bei schwungvollen Gassenhauern. An Gernot Kiefer wiederum ist ein begnadeter Sternekoch verloren gegangen. Von seinem mit Hingabe geschnippelten und angebratenen Irish Stew sind selbst der kleinste Kartoffelrest und das winzigste Stückchen Lammfleisch aufgegessen worden, obwohl es reichlich Nachschlag gab. Als profunder Kenner des „Uisge Beatha“ erwies sich schließlich Tom Gauss. Seine exquisite Auswahl, die vom Blended zum Grain zum Pot Still bis zum Single Malt die ganze Spannbreite des irischen Whiskeys aufzeigte, überzeugte die Novizen wie den Fachmann. Und gelernt haben die Besucher*innen auch, dass die richtige Antwort auf die Geschmacksfrage beim Whiskey immer Vanille lautet und dass sich auch ein Whiskey vermählen kann.
Als dann der letzte Krümel verzehrt und das letzte Tasting-Glas ausgetrunken war, wollte noch niemand nach Hause gehen. Die Musik griff nochmals in die Tasten, bei „The Wild Rover“ und „Whiskey in the Jar“ sang der ganze Saal aus voller Kehle mit und so manche angebrochene Flasche wurde noch leer gemacht. Die lebhafte Stimmung drinnen und das Schmuddelwetter draußen - es war ein echter, entspannter und stimmungsvoller Irischer Abend.
Am Bett des Sonnenkönigs
Musik aus Renaissance und Barock im Historischen Rathaus Retzbach (16.03.2024)
Man konnte sie wahrlich vor sich sehen: sehr aristokratisch die Herren, die lange Allongeperücke fällt über die Schulter, der bunte Rock verdeckt die gebauschte Kniehose, die weiten Ärmel haben breite Aufschläge und wer auf sich hält trägt Schuhe mit roten Absätzen. Und erst die Damen: die Schnurbrust sorgt für eine extrem schmale Taille, das Kleid aus Spitzen und Seide ist reich verziert mit farbenfrohen Bändern.
Die Musik von Claudia Rothkegel-Risser und Albin Heinl erweckte diesen Traum in Form und Farbe bei allen Besucherinnen und Besuchern zum Leben. Schwungvoll eingeleitet wurde das Konzert von mehreren Recercadas des Spaniers Diego Ortiz, die bereits die Leichtigkeit des Abends vorgaben. Und auch wenn seine Auftragsarbeit nicht von Erfolg gekrönt war und der Kopf des Earl of Essex doch rollte, so bestach die Gaillard des englischen Komponisten John Dowland durch einen kraftvoll-mitreißenden Rhythmus. Die sich anschließende Pavane beruhigte die erregten Affekte mit feierlich-langsamen Tönen. Mit dem „Königlichen Gitarrenspieler“ Robert de Visée gelangte das Publikum an den Hof Ludwigs XIV, wo er dem Thronfolger Gitarrenunterricht gab. Eine besondere Ehrung erfuhr der Musiker, als er dem König vorspielen durfte, nachdem dieser zu Bett gegangen ist.
Wenn der Komponist auch nur halbwegs die technischen und musikalischen Fähigkeiten an den Tag gelegt hat, wie sie die beiden Vortragenden gezeigt haben, bleibt unverständlich, wie der Monarch bei solch „Sphärenmusik“ einschlafen konnte. Claudia Rothkegel-Risser nuancierte auf ihren Flöten feinsinnig und einfühlsam. Mit exzellentem Fingerspiel meisterte sie die schnellen Passagen mit ihren Trillern bravourös. Konzentriert vertieft in ihr Spiel gelang bei den langsameren Sätzen ein reicher und warmer Klang. Albin Heinl zeigte sich als stilsicherer Begleiter und virtuoser Solist. Perfekt aufeinander abgestimmt setzte er mit der Gitarre Akzente, die die Gelöstheit und Leichtigkeit der Musik herausstellten. Die Zeitalter von Renaissance und Barock mit ihrer reichen und kunstvollen Ornamentik wurden eindrücklich lebendig. Das Publikum war begeistert und applaudierte temperamentvoll, was die Künstler mit einer Zugabe belohnten.
Vielfalt und Respekt ist Glück
Eine musikalisch-literarische Reise in das „Wien des Ostens“ (02.03.2024)
Tschernowzy, Cernăuți, Czerniowce, Tscherniwzi, Czernowitz – wenn eine Stadt so viele Namen hat, dann bedeutet dies auch eine bewegte Geschichte. Gerhard Luber blickt in seiner musikalisch-literarischen Lesung auf zwei Jahrhunderte dieser wechselvollen Zeiten zurück und zeigt eindrucksvoll die Verwerfungen auf, die eine Stadt im Schnittpunkt vieler Machtansprüche und Kulturen zu bewältigen hatte und hat.
Es begann friedlich und bunt, als vor 200 Jahren das Habsburgerreich Czernowitz zur Hauptstadt des Kronlandes Bukowina machte. Obwohl nicht an den Haupthandelswegen gelegen, blühte die Wirtschaft auf und mit ihr Religion und Kultur. Juden, Deutsche, Rumänen, Ukrainer, Armenier, Polen bildeten eine multikulturelle Stadtbevölkerung, brachten ihren Glauben, ihre Sprachen, ihre Sitten und Gebräuche ein. Man achtete und beachtete sich und den anderen, wie der diffizile Stundenplan der Höheren Schulen bewies. Und selbst bei Konzerten für die Elite der Stadt gab es Zugaben für das Lumpenpack. Das Miteinander förderte den Austausch untereinander und belebte die unterschiedlichen Lebensstile. Das Verständnis füreinander brachte Toleranz mit sich. Vielfalt und Respekt führte zu Glück.
Dann kam das 20. Jahrhundert und mit ihm die Kriege und die Ideologien der Extreme. Mit Jacob Melzers Bericht über „Das neue Regime“ erlebten die Zuhörer die Schrecken der Shoa mit: 3.000 Exekutionen an einem Tag. Das jüdische Leben wurde als erstes ausgelöscht. Der Stalinismus vereinheitlichte schließlich Ethnien wie Gedanken. Als Gregor von Rezzori nach Czernowitz, seiner Geburtsstadt, zurückkehrte, findet er eine seelenlose Leere vor. Was erhalten blieb, waren die Fassaden. Und nun der russische Angriffskrieg, der Czernowitz zwar (noch?) nicht als Frontstadt sieht, aber mit Halyna Kruk von jedem einen Standpunkt einfordert: „Da stehst du nun“. Mit dem bedeutendsten Dichter der Stadt, Paul Celan, schließt Gerhard Luber einen wirkmächtigen Wort- und Bilderbogen, von dem auch die Besucher einen wichtigen Gedanken mitnehmen. Wenn Czernowitz überall ist, wie Nora Gray feststellt, dann ist auch Retzbach Czernowitz. Es gilt, sich der Vielfalt des Ortes bewusst zu sein, seiner Bewohner mit ihren unterschiedlichen Ethnien, Glaubensrichtungen, Berufen und Wertvorstellungen. Diese Vielfalt erinnert an das alte Czernowitz, sie ist bunt und schön, weil sie jedem den Lebensentwurf gewährt, den er leben will. Wenn einfarbige Anstreicher diese Vielfalt zerstören, dann bleiben Apathie und Resignation.
Gerhard Luber steuert mit der klugen Auswahl der Texte souverän die Empfindungen der Zuhörer. Er spricht eindringlich und mit fein abgestimmter Modulation, angenehm weich bei Erzählungen, beschwingt bei Dialogen und hart, wenn das Furchtbare von Taten und ihren Folgen zu berichten war. Begleitet wird der Vortragende von den „Con-Brio-Hölzern“: Axel Weihprecht und Helmut Kennerknecht an den Klarinetten und Friedemann Wolpold am Fagott, die ihre Intonation diesen Inhalten bestens anpassen. Die Musik ist wichtig an diesem Abend. Der Rückgriff auf Stücke der Wiener Klassik, v.a. auf Mozarts „Divertimento KV 439b“, schafft Entspannung, wirkt aber auch auf ihre ganz eigene Weise als Verstärkung der Texte, als Vorbereitung und Nachhall. Die Besucher belohnten Sprecher und Musiker mit langem und herzlichem Beifall.
Der Verein Historisches Rathaus Retzbach wird den Erlös der Veranstaltung weitergeben an den „Helferkreis Ukraine Arnstein“.
Vom Apfel für Aphrodite
Wolfgang Piepers zeigte „Glanzlichter der heimischen Natur“ (23.02.2024)
Ohne Zweifel sind auch Sie schon oft achtlos an einer bei uns weit verbreiteten „Schattenpflanze“ vorbeigegangen, die bei uns im Frühlingswald ihre charakteristischen vier Laubblätter entfaltet, in deren Zentrum dann im Sommer eine einzelne Beere heranwächst. Aber wussten Sie auch, dass diese vier Blätter niemand anderen als drei griechische Göttinnen und den Königssohn Paris darstellen und die eine Beere in der Mitte den so verhängnisvollen „goldenen Apfel“ repräsentiert, den Zankapfel, der zum Trojanischen Krieg führte. Nun, so giftig der Apfel in der Mythologie, so giftig ist die „Einbeere“ bis heute.
Wolfgang Piepers holte in seinem Bildervortrag über „Glanzlichter der heimischen Kultur“ weit aus. Und so erfuhren die zahlreichen Besucherinnen und Besucher auch von „Sisyphus schaefferi“, dem „Matten Pillenwälzer“, der unermüdlich versucht, seine Dungkugeln über Hindernisse zu wälzen. Vereinzelt noch an Ackerrändern ist zudem der Frauenspiegel der römischen Göttin Venus (Legousia speculum-veneris) versteckt, eine blauviolette Stieltellerblume.
Aber natürlich hat nicht alles, was im Landkreis Main-Spessart wächst und fliegt, mit der antiken Mythologie zu tun. Die wunderschönen Bilder, die Wolfgang Piepers mitgebracht hat, zeigen die Vielfalt der heimischen Natur im Jahreslauf. Wenn es jetzt Frühling wird im Trockenrasen, dann sprießen die Relikte der letzten Eiszeit aus dem Boden, Pflanzen, die einst aus den Kältesteppen Ostasiens eingewandert sind. Adonisröschen und Küchenschelle leiden erkennbar an der Erderwärmung, denn sie brauchen die Kälte.
Der Orchideenwald in Main-Spessart dagegen scheint sich zu erholen. Die Wärme fördert wohl die symbiotische Lebensgemeinschaft mit ihren Pilzen, die Frauenschuh, Waldhyazinthe oder Waldvögelein brauchen. Die Auswirkungen einer immer industrielleren Landwirtschaft machen hingegen den bunten Ackerrändern schwer zu schaffen. Zwar bleiben die Samen dieser Pflanzen sehr lange unzerstört in der Erde, doch verschwinden Kornblume, Kornrade oder Rittersporn von unseren Feldern.
Nur dort, wo der Mensch Schutzgebiete ausgewiesen hat, bilden sich Urwälder, in denen Pilze das Totholz zersetzen. Spektakulär waren die Nahaufnahmen der Lamellen und der durchscheinenden Hüte. Und den Tintenfischpilz, von australischen Soldaten im 1. Weltkrieg eingeschleppt, sollte man nicht nach Hause nehmen: Er stinkt fürchterlich.
Die nächsten Blicke richteten sich auf die Tierwelt. Für einige der 103 „fliegenden Edelsteine“ der Tagfalter ist der Landkreis Hotspot, z.B. für den Segelfalter. Es finden sich Schwalbenschwanz, Admiral, Kaisermantel und sehr viele Bläulings-Arten. An Teichen und Tümpeln bilden selbst Jungfern ihre Liebesherzen.
Große Hitze und Trockenheit kennzeichnen die Trockenrasengebiete im Sommer. Die dort lebenden Tieren und Pflanzen gehören zu den Gewinnern des Klimawandels. War die Bocksriemenzunge vor Kurzen fast ausgestorben, so kommt sie heute an vielen Standorten vor. Als jüngst zugezogene Art sind die Gottesanbeterinnen am Kalbenstein zu finden.
Mit betörenden Bildern aus dem Herbst, der für Wolfgang Piepers schönsten Jahreszeit im Landkreis, beendete der Referent seinen Vortrag, nicht ohne noch einmal zu betonen, dass Pfaffenhütchen, Berberitze oder Mehlbeere sehr unter der trockenen Witterung leiden.
Wolfgang Piepers hat mit seinem Vortrag im Historischen Rathaus in Retzbach der Kreisgruppe Main-Spessart des Bund Naturschutz zu deren 50-jährigem Jubiläum ein sehr schönes Geburtstagsgeschenk gemacht. Die Besucherinnen und Besucher bedankten sich mit lebhaftem und langem Beifall und Michael Pfister vom BN mit einem Gastgeschenk.
Erzgebirgischer Ausklang der Weihnachtszeit
Ausstellung von Schnitzereien aus Geyer (05.-07.01.2024)
Stolz trägt er seine Kerze in der einen, die lange Pfeife in der anderen Hand und doch irritiert er den Betrachter: ein Muselmann inmitten all der Bergknappen und Engel. Ist es arg frei ausgelegte künstlerische Freiheit? Mitnichten – auch diese Figur stellt ein Stück sächsischer Geschichte dar. Geduldig und immer mit einem Lächeln auf den Lippen erklärte der langjährige Vorsitzende des „Schnitz- und Krippenvereins Geyer“ den Besuchern die Bedeutung der geschnitzten Kunstwerke von der Spitzenklöpplerin zum Steiger, den unterschiedlichen Lichterträgern und Schwibbögen und der großen Krippe des Vereinsheims mit ihrer imposanten Palme. Die kleine Ausstellung, die Andreas und Regine Richter mitgebracht haben, bot einen anschaulichen Überblick über die Schnitzkunst des Erzgebirges. Immerhin darf ihr Verein in diesem Jahr auf sein 130-jähriges Bestehen zurückblicken und bietet den Hobbyschnitzern in der Greifensteinregion regen Austausch.
Zur Vernissage am Abend des 05.01.2024 sprachen auch der 1. Bürgermeister des Marktes Zellingen, Stefan Wohlfart, sowie der Vorsitzende der Partnerschaftskomitees, Franz-Josef Vorwerk, Grußworte. Sie bedankten sich für die gelungene Ausstellung und wünschten sich noch viele gegenseitige Besuche, damit die langjährige Freundschaft zwischen den Partnergemeinden fortgesetzt wird.
Der "Tasten-Män" haut in die Tasten
Mitreißendes Konzert von Lutz Röckert (06.01.2024)
Am Samstagabend war dann zum traditionellen erzgebirgischen Hutzenabend eingeladen. Mal besinnlich mit der „seeligen Weihnachtszeit“, mal temperamentvoll beim Betrachten der „Skihaserl“ und mal nachdenklich bei der ironischen Auseinandersetzung mit dem Einkaufsstress in der ruhigen Zeit begeisterte der „Tasten-Män“ Lutz Röckert mit seinem Akkordeon. In seiner gut verständlichen sächsischen Mundart erzählte er auch die Geschichte vom vierten Heiligen-Drei-König, der aus Böhmen stammte und den die Evangelisten unterschlagen haben. Immer hoch präsent, oft mit seinem Publikum flirtend und meisterhaft sein Instrument beherrschend gelang es ihm, die Besucher tief zu bewegen. Verzaubert waren sie dann spätestens bei seinem Ausflug nach Böhmen und dem Lied „Küß mich, halt mich, lieb mich“ aus dem Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Und als am Schluss beim „Steigerlied“ oder beim bekannten, von einer Besucherin gewünschten „`s is Feierobnd“ des Erzgebirgischen Volksdichters Anton Günther die Zuhörer erst schüchtern leise, dann innig und intensiv mitsangen, klang der Abend bewegt und beglückend aus. Die Weihnachtszeit hatte einen würdigen Abschluss gefunden.
Rückblick
auf vergangene Veranstaltungen im Jahr 2023
Von „Frauenschuh“ und „Kaisermantel“
Ein Bildervortrag von Wolfgang Piepers (02.12.2023)
Schwarz starren die beiden Augen den Betrachter an und das Riesenmaul ist aufgerissen und scheint jederzeit bereit zuzubeißen – so präsentierte sich die Schreckstellung einer kleinen Raupe aus dem Retztal, die hoffentlich ihre Fressfeinde damit genauso beeindruckte wie die zahlreichen Besucher des Vortrages „Die Natur des Retztales im Wandel der Jahreszeiten“ von Wolfgang Piepers im Historischen Rathaus Retzbach.
Natürlich kannte jeder der Zuhörer von unzähligen Spaziergängen das Retztal, aber keiner hat über viele Jahrzehnte hinweg so genau hingeschaut wie der Referent. Geboren an der Quelle der Retz, jetzt wohnhaft an ihrer Mündung in den Main, hat Wolfgang Piepers die Flora und Fauna seines Heimattales intensiv erforscht.
Eine genaue Beobachtungsgabe benötigt der Wanderer im Winter, wenn kahle Bäume und ab und zu Eis und Schnee das Landschaftsbild prägen. Es ist die Zeit der „Bunten Erdflechtengesellschaft“ der Kalkmagerrasen und Felsstandorte, die in Unterfranken im Retztal endemisch auftritt. Der Frühling beginnt mit „Kuhschellen“ und „Adonisröschen“, bevor sich eine Vielzahl an Orchideen in ihrer ganzen Pracht entfalten. Fanden sich früher nur wenige Exemplare, so erweisen sich gerade die Ragwurz-Arten als Nutznießer des Klimawandels in unserem Gebiet. Im Gegensatz dazu rottet eine immer intensivere Land- und Weinwirtschaft die früher allgegenwärtigen Ackerunkräuter aus. Wer kennt noch den „Ackerschwarzkümmel“ oder die „Kornrade“?
Wolfgang Piepers vermag sein umfassendes Wissen mit eindrucksvollen und teils spektakulären Bildern an den Besucher zu bringen. Wir sehen die „Blattschneiderbiene“ beim Heraussägen kreisrunder Löcher, den „Hirschkäfer“ beim Abflug oder die Liebesherzen sich paarender Libellen. Und noch das unscheinbarste Gräschen wird unter dem Makroobjektiv des Referenten zu einem außergewöhnlichen Seherlebnis. Die Besucher waren tief beeindruckt und füllten die Spendeneule des Bundes Naturschutz, der als Kooperationspartner die Veranstaltung mitgestaltete, großzügig.
Ungehörte Töne am 24.11.2023
Auch bei Jazz volles Haus
Ein Feuerwerk an Melodien, Rhythmen und Improvisationen zündete die Jazz-Formation „Quartessence“ im Historischen Rathaus Retzbach. Die fünf Musiker, die seit nun fast 30 Jahren zusammen durch ganz Deutschland touren, begeisterten ihr Publikum mit schwungvollem Sound und kreativen Arrangements.
Nur das kleine Schlagzeug durfte Roland Gack aufbauen und doch sorgte er mit seinem konzentrierten Timing im Hintergrund für die nötige Taktsicherheit. Man sah sie förmlich vor sich aufsteigen, die Luftblasen im Wasser („Bubbles“), die Thomas Klopfer mit seinem kunstvollen Spiel am Piano erzeugte. Mit prägnanten Riffs an seinem Kontrabass verfolgte Oliver Dannhauser die Spuren im Schnee und Sand („Traces“). Den „Samstag in Senigallia“ verzauberte die virtuos intonierte Trompete von Hans Molitor ebenso wie das einfühlsame Posaunenspiel des Bandleaders Michael Buttmann aus „No Ballad“ doch eine musikalische Ballade machte. Voll sich steigernder Spielfreude und vielseitigen, abwechslungsreichen Improvisationen setzte „Quartessence“ ihre Eigenkompositionen und einige wenige Standards von George Fragos oder Glenn Ferris eindrucksvoll in Szene und gewann vom ersten bis zum letzten Ton die Aufmerksamkeit eines begeisterten Publikums. Ein lang anhaltender Applaus, der mit zwei Zugaben belohnt wurde, verabschiedete die Musiker.
Glücks-Augenblicke am 21.10.2023
Heiter-besinnlicher Liederabend im Historischen Rathaus
Wenn die Besucher mit strahlenden Augen und einem Lächeln auf den Lippen das Konzert verlassen, dann haben die Musiker ihr Publikum begeistert.
Die Gruppe „Allegro ma non troppo“ hatte dafür allerlei wirksame Zaubermittel dabei. Ob Tango, Fox oder Walzer, ob deutsch, französisch oder vielleicht rumänisch, ob Brecht, Mörike oder Borges – ein bunter Reigen teils leicht melancholischer, teils heiterer Melodien und Texte zog die Hörer in seinen Bann. Schon das Eingangslied, Pippo Pollinas „Passa il tempo“, deutete die Zeitreise durch das Leben an. Wie steht es mit „der ganzen Menge Leben“ (Konstantin Wecker), die vor einem liegt oder die man bereits hinter sich gelassen hat? Ist wirklich keine Zeit da, um „sein Herz weit zu öffnen und mit all seinen Augen zu lieben“ (Michel Fugain). Und wirst Du mir, trotz aller Träume von ewiger Schönheit und großem Reichtum, „mit 64 Jahren immer noch einen Valentinsgruß schicken“ (Beatles)?
Der ernste und liebevolle, heitere und besinnliche Blick auf all die Abzweigungen unserer Lebenswege, auf die große Liebe und die Katzen auf der Piazza Grande, auf Wunschvorstellungen und 56 Ehejahre mit derselben Frau, berührte das Publikum tief. Die warme und kraftvolle Gesangsstimme von Birgit Hutzel, die auch mit Akkordeon und Flöte zu überzeugen wusste, das beschwingte Geigenspiel von Uli Preu, begleitet von der rhythmischen Gitarre von Hermann Tzschaschel und der tiefe Bass Siegfried Hutzels, der auch die launige Moderation des Abend übernommen hatte, harmonierten prächtig und schufen in der heimeligen Fachwerkstube eine ganz bezaubernde Atmosphäre.
„Wenn ich das Leben nochmals leben könnte“ (Jorge Luis Borges), dann würde ich wieder ins Historische Rathaus kommen und „Allegro ma non troppo“ zuhören. Die Gruppe wurde für den stimmungsvollen Abend mit fantastischer Musik und klugen Gedanken mit stehendem und lange anhaltendem Applaus belohnt.
Gelungener Auftakt - Kellerführung am 17.09.2023
Sie haben sich nicht davon abhalten lassen! Trotz des herrlichen Spätsommerwetters wollten die zahlreichen Teilnehmer in den dunklen Untergrund. Der Spaziergang durch einige Keller des Retzbacher Altortes entpuppte sich als Zeitreise.
Das archaische Gewölbe des „Zahbauern“, des alten Zenthauses, beeindruckt allein durch seine Größe und macht eindrucksvoll deutlich, wie enorm die Mengen an Naturalabgaben der hart arbeitenden Bevölkerung im Mittelalter gewesen sein mussten.
Auch der „Ochsenwirt“ besitzt einen großen Keller, am Türsturz weist die Jahreszahl 1622 auf das Alter hin. Dass bei der Tafernwirtschaft die Geschäfte gut liefen, beweist der Erweiterungsbau aus dem Jahr 1803. Und das Datum 9.4.1945, unübersehbar an die Decke gepinselt, gemahnt auch heute noch an die Schrecken des Weltkrieges.
Eines der ältesten Gebäude Retzbachs steht in der Bergstraße, wie die Jahreszahl 1561 über dem Bogen des Kellergewölbes anzeigt. Hier befindet sich auch der einzige Keller mit ebenerdigem Zugang. Dass das Haus heute wieder zu einem Schmuckstück wird, ist das Verdienst der neuen Hausherren. Der Blick in den imposanten Keller lässt Zukunftsgedanken aufkeimen.
Die Träume erfüllt sind im Keller der ehemaligen fürstbischöflichen Kelterei in der Kirchgasse. Nach einer grundlegenden fachkundlichen Restaurierung erstrahlen Haus wie Keller in neuem Licht. Ein schwerer Tisch in der Mitte, indirekte Beleuchtung unter den Holzpanelen an der Decke, so präsentiert sich heute ein stimmungsvoller Ort.
Auch die letzte Station des Rundgangs beweist, dass die Retzbacher Keller sinnvoll genutzt werden. Mit dem ehemaligen Winzerkeller war die Besucherschar wieder an ihrem Ausgangspunkt angekommen. Heute ist der Keller in der Obhut des RCC, der ihn zu einem Treff- und Trainingsraum für seine vielen Gardegruppen gemacht hat.
Abgerundet wurde der Dorfspaziergang durch manch guten Schoppen. In jedem der fünf Keller wurde ein ausgesuchter Wein aus den Kellern der Retzbacher Winzer eingeschenkt und fachkundig erklärt, u. a. von der amtierenden Retzbacher Weinprinzessin Emma Ehrenfels. Dass man sich hinterher dann verplauderte, zeigt, dass die Kellerführung sehr gut angenommen wurde.
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